Glück auf Schalker,
nach fünf Spielen ohne Sieg, konnten wir mit dem Dreier in Kiel die Krise abwenden und die Tabellenführung zurückerobern. Es liegen aber noch zwölf schwere Partien vor uns und noch ist alles möglich. Am heutigen Samstagabend steht uns der 1.FC Magdeburg gegenüber. Die Mannen vom FCM werden alles aufs Feld werfen, um den drohenden Abstieg in Liga drei zu verhindern. Auch auf den Rängen haben wir alles andere als einen leichten Gegner. Wir müssen daher sowohl auf dem Rasen als auch auf den Tribünen Vollgas geben, um erfolgreich nach Hause zu gehen.
Ausreden gibt es keine – Für Schalke alles geben!
Beim letzten Heimspiel gegen die SGD sorgten im Nachgang die gezeigten Spruchbänder für ein mediales Echo. Wenig überraschend überboten sich gerade Funke und Springer in Empörung und Hysterie. Aber auch einige Aufsichtsratsmitglieder aus der CT-Zeit sowie mit ihm befreundete Sponsoren und Weggefährten empfanden die gewählten Formulierungen auf einzelnen Spruchbändern als schlimmste Entgleisungen, die es in einem Fußballstadion geben kann. Wenn es ihnen wirklich nur um den Erfolg des Vereins gehen würde, hätten sie die Kritik intern angebracht und nicht gleichzeitig über die Medien lanciert.
Es bleibt zu hoffen, dass es gar nicht erst zur Abstimmung über Clemens Tönnies ins Ehrenpräsidium kommt und erneute Debatten um ihn als Person den Verein nicht länger beschäftigen.
FC Schalke 04 e.V. – SG Dynamo Dresden e.V. 2:2 (0:0)
Vor dem Spiel
Es gibt Gegner, die werden auch nach mehreren Aufeinandertreffen nicht langweilig. Dynamo gehört hier sicherlich dazu. Mit einem entsprechend großen und motivierten Haufen ging es zu Fuß – oder, wie die BILD schreiben würde, per „Machtdemonstration“ – Richtung Arena. Einmal mehr fiel hier das vollkommen geisteskranke Bullenaufgebot ins Auge. Negativ erwähnt werden müssen auch wieder einige Betretungsverbote gegen Jungs aus unserer Kurve. Stark bleiben!
Nach den enttäuschenden Auftritten – sowohl sportlich als auch auf den Rängen – in den vergangenen Vorwochen galt es mehr denn je, dem Trend zu trotzen und das Schalker Gesicht der Hinrunde zurückzuholen. Schon vor Anpfiff wurde klar, dass wir heute mit einer deutlich besseren Einstellung in den Tag gingen. „Die Nummer 1 aus dem Revier“ funktionierte schon mal ordentlich.
Nordkurve Gelsenkirchen
Zum Anpfiff sorgte „Eine Stadt erstrahlt im Blau…“ für einen starken Start ins Spiel. Auch danach konnten gerade die gängigen Gassenhauer komplett überzeugen. Auf dem Rasen entwickelte sich derweil ein offener, aber durchaus sehenswerter Schlagabtausch. Die verspätete, aber lautstarke Ankunft von Ultras Dynamo und Co. nach rund zwanzig Minuten sorgte in der Nordkurve sogar noch einmal für einen zusätzlichen Push. Menge und Einsatz an Tifo-Material konnten sich von Beginn an definitiv sehen lassen. Damit ist die Geschichte des torlosen ersten Durchgangs auch schon erzählt.
Kurz nach der Pause gab’s von uns ein paar unmissverständliche Worte Richtung Rheda: „Aber ich will da auch nicht wieder hin – CT, steh zu deinem Wort, bleib weg vom Ehrenpräsidium!“. Auch andere Gruppen untermauerten die Thematik mit verschiedenen Spruchbändern.
Unsere Mannschaft kam richtig gut aus der Kabine und versuchte ab dem Wiederanpfiff, das Zepter in die Hand zu nehmen. Edin Džeko belohnte sich und alle Schalker in der 52. Minute. Der anschließende Torjubel bleibt auf jeden Fall in guter Erinnerung. In den Minuten danach konnte die Arena ein- bis zweimal mit ins Boot geholt werden, was sicherlich auch daran lag, dass unsere Jungs weiterhin am Drücker waren. Beim 2:0 in der 70. Minute, ebenfalls durch Džeko, machte sich dann fast schon so etwas wie Erleichterung breit. Gefeiert wurde unter anderem mit „Asoziale Schalker“. Leider schaffte es unsere Elf nicht, das Ding vernünftig zu Ende zu spielen. Nach dem Dresdner Anschlusstreffer in der 78. Minute entwickelte sich eine absolute Zitterpartie, und auch wir als Kurve schafften es hier nicht, noch einmal richtig hochzufahren. Letztendlich kam es dann, wie es kommen musste, und das Spiel endete mit einem 2:2, das sich wohl für jeden Blau-Weißen wie eine Niederlage anfühlte.
Am Ende steht ein recht guter Auftritt unsererseits, der aber selbstverständlich noch nicht viel mit dem zu tun hatte, was unsere Kurve an Sahnetagen leisten kann. Trotzdem kann man nach den Vorwochen auf eine positive Entwicklung aufbauen und im Spiel gegen Magdeburg noch ein oder zwei Schippen drauflegen. Auf geht’s Schalke kämpfen und siegen!
Gegner
Wie weiter oben erwähnt, konnte die Dresdner Fanszene den Gästeblock erst mit rund zwanzigminütiger Verspätung bevölkern. Grund hierfür waren wohl die überzogenen Kontrollen am Gästeeingang. Nachdem sich Ultras Dynamo sortiert und angeflaggt hatten, konnte der Gästeblock für einige unüberhörbare Momente sorgen. Bei rund 6.000 Dresdnern durfte man hier nicht selten von einer nahezu hundertprozentigen Mitmachquote sprechen. Zwischendurch war aber auch immer mal wieder komplette Ruhe, was für Dynamo-Auftritte als relativ typischer Stil gesehen werden kann. Die Zaunbeflaggung war sehenswert, in Sachen Tifo reißt Dynamo auswärts wie gewohnt keine Bäume aus. Die Torjubel, erst recht nach dem Ausgleich, sowie das anschließende „Dy Dy Dy…“ nach Abpfiff gehören sicherlich zum Lautesten, was der Arena-Gästeblock in der bisherigen Saison zu hören bekommen hat. Alles in allem bleibt ein guter Dresdner Auftritt in Erinnerung. Erwähnenswert sind noch zwei Spruchbänder: „Jedes Statement so falsch wie eure Bilder – Chat GDP“ und „Logout Polizei!“ in Anspielung auf die sächsische Bullen-Gewerkschaft, welche ihre überdramatischen Kriegsberichte von den Ausschreitungen in Magdeburg mit KI-Bildern ausschmückte. Zum anderen kritisierte man mit typischer Ost-West-Rhetorik die überzogenen Preise für Karten im Gästebereich. Beide Anliegen sind natürlich komplett unterstützenswert.
Freunde
Unterstützt wurden wir von über 50 Brüdern aus verschiedenen Untergruppen von Komiti Skopje. Auch unsere
Brüder aus Enschede standen einmal mehr an unserer Seite.
Danke!
Gegnervorstellung
Die heutige Gegnervorstellung gebührt der Sportgemeinschaft Dynamo Dresden e. V. aus der Landeshauptstadt Sachsens. Seit ihrer Gründung im Jahr 1953 wurde die SGD acht Mal Meister der DDR-Oberliga und gewann sieben Mal den FDGB-Pokal (sozusagen ostdeutscher DFB-Pokal). Die frühe Vereinsgeschichte der ehemaligen SG Polizei Dresden ist durchaus interessant; Dynamo Dresden war offiziell eine Diensteinheit der Volkspolizei wodurch auch deren Spieler den Rang von Volkspolizisten hatten. Durch Liquiditätsprobleme wurde der Verein 1995 in dieRegionalliga versetzt und hat seitdem keine Bundesliga-Luft mehr geschnuppert. Gespielt wird im Rudolf-Harbig-Stadion mit Platz für knapp über 32.000 Zuschauer.
Rechtsform:
Die SGD ist ein eingetragener Verein mit fast 37.000 Mitgliedern.
Fanszene:
Die organisierte Fanszene der SGD versammelt sich bei Heimspielen im K-Block. Führende Gruppe ist Ultras Dynamo, gegründet im Jahr 2000 durch einen Zusammenschluss der Gruppen „Dynamo-Geschwader“, „Eastside Dresden“ und „Yellow Madness“. Weitere Fanclubs – darunter Dresden West, OSL Bande und Brigade 53 – agieren unter der Führung von UD und sind mit Zaun fahnen im Stadion sichtbar.
Neben ost-typischem Supportbild und zahlreichen meist großflächigen Choreos, legt die Fanszene der SGD Wert auf ein martialisches Auftreten, welches mit den mehr oder weniger kultigen Youtube-Videos mit dem Protagonist “Leatherface”, unterlegt wird.
Obwohl erhebliche Teile der heutigen aktiven Fanszene “den Osten” vermutlich selbst nie erlebt haben, scheint man in einer Zeit vor 1990 hängen geblieben zu sein. Das Feindbild Wessi wird also wohl noch mindestens eine Fangeneration prägen, oder auch das ist einfach nur Teil der Kultigkeit der SGD.
Im Gedächtnis geblieben sind allen Fußballfans in Deutschland in jüngerer Vergangenheit sicherlich insbesondere die “größte Blockfahne Europas”, welche 2015 beim Spiel gegen Magdeburg ausgerollt wurde sowie die “Footballarmy Dynamo Dresden” Mottofahrt beim Auswärtsspiel 2017 in Karlsruhe.
Freundschaften:
Freundschaften pflegen die Ultras Dynamo zu Red Kaos des FSV Zwickau. Relativ frische Kontakte bestehen zu den östlichen Nachbarn von Motor Lublin. Die Freundschaft zur Horda Zla aus Sarajewo ist inzwischen beendet.
Feinde:
Hauptrivalen sind die anderen ehemaligen DDR-Oberliga Vereine, darunter insbesondere der 1. FC Magdeburg, Hansa Rostock und Erzgebirge Aue.
Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e.V. – FC Schalke 04 e.V. 1:2 (0:2)
Vor dem Spiel
Im stillen Kämmerlein scheint sich gerade einiges zu bewegen. Verbände und Politik werkeln derzeit, abseits der aktuellen Geschehnisse, an einer Änderung der Stadionverbotsrichtlinien herum. Eine Thematik, die sich bereits aus der vergangenen Innenministerkonferenz im November 2025 herauskristallisiert hat und für populistische Politiker sowie an deren Zitzen hängenden Verbänden die Büchse der Pandora zu sein scheint. Abermals werden in die Entstehungs- und Entscheidungsprozesse nicht die Leute einbezogen, die es am Ende betrifft: Fans und Vereine. Ein Missstand, den es selbstverständlich nicht erst seit gestern zu beklagen gibt, jedoch leider immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden muss. Um auf diese anhaltende Schieflage aufmerksam zu machen, zeigten die Fanszenen Deutschlands, wie auch wir, an diesem Spieltag ein einheitliches Spruchband mit klarer Message: „Fans & Vereine: Gemeinsam gegen die neuen SV-Richtlinien!“ Eine ausführliche Stellungnahme der Fanszenen Deutschlands findet ihr auf unserer Homepage.
Nordkurve Gelsenkirchen
Dennoch braucht es nicht immer nur neue SV-Richtlinien, manchmal reichen schon die bisherigen aus, um Fans vor die Tore zu verbannen. Aus diesem Grund starteten wir mit einer Überraschungschoreo für unsere Stadionverbotler in die Partie. Diese bestand aus einem Mix aus blauen und weißen Ponchos, die wir unter den Schalkern verteilten. Im oberen Teil des Blocks wurde an der Dachkonstruktion die bekannte „Für die Jungs die draußen steh‘n“-Fahne als Blockfahne hochgezogen. Abgerundet wurde das Ganze durch den Nordkurve-Schriftzug inklusive aufgestellten Fans am unteren Teil des Blocks. Durch den starken Wind im Stadion klappte die hochgezogene Blockfahne leider ein wenig nach hinten weg. Ein Schönheitsmakel, jedoch unvermeidbar. Am Ende freuten sich die Jungs enorm über die Aktion und schickten direkt Dankesgrüße ins Stadion. Wir halten eure Fahne im Stadion hoch, ihr vor den Toren. Haltet durch! Um den Jungs vor dem Spiel noch eine kleine Freude zu machen, reservierten wir eine Kart-Bahn in der Nähe. Doppelte Überraschung also.
Die Ansprache der Vorsänger und das Wachrütteln einiger Schalker im Blauen Brief schien bereits in Kiel Wirkung gezeigt zu haben. Die Stimmung war von Beginn an ausgelassen und ließ (endlich) wieder einige Ausrast-Momente im Gästeblock wahr werden. Das neue Lied „Oh S04, du ganz allein“ wurde fast die gesamte erste Halbzeit durchgesungen und fand immer mehr Zugriff in der Schalker Anhängerschaft. Vor allem im unteren Teil des Blockes konnten wir, gepusht durch die Tore von Karaman, nach Dzekos Vorlage sowie 13 Minuten später Kurucay, ebenfalls nach Vorarbeit des Bosniers, die Momente und die Emotionalität des Liedes nutzen, um uns in einen Rausch zu singen. Da die zweite Halbzeit leider etwas schwächer startete als die erste endete, änderten wir kurzerhand den etwas spielbezogeneren Support, mit dem Ergebnis, dass „Uns’re Fahnen weh’n im Wind“ schön durch den eisigen Sonntagnachmittag an der Kieler Förde schepperte. Zwar verkürzte Kiel kurz zuvor noch einmal per Elfmeter auf 1:2 und drückte auf den Ausgleichstreffer, glücklicherweise schafften wir es, die drei Punkte irgendwie über die Zeit zu bringen. Sicherlich nicht schön, sicherlich mit Fehlern und definitiv mit sportlicher Luft nach oben. Der Wille, heute siegreich vom Platz zu gehen, war jedoch jederzeit zu spüren. Nichts anderes wollen wir sehen. Und zudem: Tabellenführer!
Neben dem Spruchband zu den neuen SV-Richtlinien, zeigten wir außerdem ein Spruchband für einen schwer erkrankten Schalker aus unseren Reihen.
Halte durch, Olli!
Gegner
Vor dem Block der Kieler hing ab Stadionöffnung ein Banner Richtung Mannschaft mit der Forderung „Abstiegskampf annehmen“. Für die Störche, die durch die Niederlage gegen uns einen weiteren Platz Richtung Abstiegszone rutschen, wird die Luft in Liga zwei langsam dünner. Dazu kam ein ebenfalls dünner Support. Sicherlich gibt die Tribüne auf der Gegenseite wenig her, die Anzahl der Leute, die sich am aktiven Treiben beteiligt haben, war dennoch sehr dürftig. Die aktuelle Situation trägt ihr Übriges dazu bei.
Freunde
Vielen Dank an die Jungs aus Gladbach für die Unterstützung!
Nordkurve Nürnberg
Aktuelle Lage
Vor zwei Wochen gastierte der Glubb Samstagmittags in Paderborn. Nach einer 2:0-Führung von Paderborn und einer roten Karte kurz nach der Halbzeit gelang dem FCN zwar der Anschlusstreffer, am Ende reichte es aber nur zu einer 2:1-Niederlage.
Letzten Freitag waren die Jungs vom KSC zu Besuch im Achteck. Vor dem Spiel überlegte sich die Nordkurve Nürnberg wieder ein besonderes Intro. Im Oberrang hing ein Transparent mit der Aufschrift “Right now the fun is about to begin…”, im Unterrang “Freaks Come out at Night”. In der Mitte des unteren Teils war die bekannte Sonne zu sehen, deren Augen durch zwei Fackeln erstrahlten. Dazu sah man ein Fahnenmeer im Block.
Auch auf dem Platz knallte es gewaltig. Bereits in der ersten Halbzeit musste der Karlsruher Torwart dreimal hinter sich greifen. In der zweiten Halbzeit ließ der Glubb nicht locker, spielte weiter konzentriert nach vorne und schickte die Gäste mit einem deutlichen 5:1 nach Hause.
Gestern ging es für die Glubberer zum Auswärtsspiel nach Bochum. Nächste Woche Sonntag geht’s dann weiter in die Hauptstadt.
VAK-P Enschede
Aktuelle Lage
Leider konnte der FCT das Halbfinale des Pokals nicht erreichen. Bei AZ Alkmaar mussten sich die Roten in der Verlängerung mit 2:1 geschlagen geben.
Nachdem zahlreiche Brüder uns beim Heimspiel gegen Dynamo unterstützt hatten, stand für sie am Abend noch das Heimspiel gegen SC Heerenveen an. Gegen die in der Tabelle benachbarten Friesen gewannen die Tukker souverän mit 5:0. Im folgenden Spiel beim Vorletzten SC Telstar schaffte Twente es allerdings nicht über ein 1:1- Unentschieden hinaus.
Es folgen nun zwei Heimspiele gegen die alten Rivalen vom FC Groningen und Feyenoord Rotterdam.
Komiti Skopje
Aktuelle Lage
Die mazedonische Liga ist zurück aus der Winterpause. Und das natürlich – wie sollte es anders sein – direkt Mal mit einer englischen Woche und einem Nachholspieltag. Natürlich an einem Mittwoch um 14 Uhr. Dementsprechend überschaubar war das Interesse und Zuschaueraufkommen. Komiti hang neben der üblichen Zaunfahne noch eine Gedenk-Fahne für den kürzlich verstorbenen Nikola auf. Dazu wurden vereinzelt Fackeln angerissen und ein souveränes 5:1 verfolgt. Wenige Tage später stand im kleinen Stadion des Fußballverbandes parallel zu unserem Spiel in Kiel das Stadtduell gegen Rabotnicki an. Hier gab es von Komiti eine kleine Choreo zu Spielbeginn auf der Tribüne hinter dem Tor. Und anschließend einen erneut ungefährdeten 3:0-Erfolg.
Curva Sud Siberiano
Aktuelle Lage
Wirft man einen Blick auf die Karte vom Stiefel, so stellt man schnell fest, dass der Weg von Salerno ins 150 Kilometer entfernte Cerignola an Avellino vorbeiführt. Wie jedem Leser bekannt sein dürfte, ist Avellino für Salerno das, was für jeden Schalker die Gelben sind: Der Feind. Daher dachte man sich bei den Behörden, dass sich ein Aufgebot der salernitanischen Polizei an die Reisebusse der Fanszene heften und über den gesamten Weg Präsenz zeigen muss. Natürlich ließen es sich die Beamten auch nicht nehmen, sich an den Eingängen an der Raststätte, an der man pausierte, aufzustellen und so zu demonstrieren, dass man hier auch ja nichts mitgehen lassen sollte. Irgendeine Aufgabe wollte man sich eben selbst auferlegen, um nicht dumm in der Gegend herumzustehen. Blöd nur, wenn man sich als Bulle am Zielort nicht auskennt und die Reisebusse auf einen zwei Meter breiten Feldweg kurz vorm Stadion schickt, auf dem dann der Busfahrer zusehen soll, wie er den Bus wieder gewendet bekommt. Endlich am Parkplatz angekommen, versagte dann auch noch der Shuttle-Bus zum Stadion, was dann die Stimmung bei den anwesenden Ultras von Centro Storico kippen ließ, da sich bereits abzeichnete, dass man das Stadion nicht rechtzeitig erreichen würde. Mit 15 Minuten Verspätung kam man dann am Stadion an und wenigstens hier ließen die Bullen die Gruppe reumütig ohne größere Kontrollen ins Innere des Stadions. Die Stimmung im Stadion war trotz der jämmerlichen Leistung auf dem Platz gut und konnte durchweg eine hohe Mitmachquote verzeichnen. Das Spiel ging aufgrund eines schweren Fehlers von Donnarumma 1:0 verloren und die Mannschaft wurde entsprechend lautstark in die Kabine geschickt.
Der überraschende 3:0 Heimsieg gegen Casarano, bei dem wichtige Punkte eingefahren werden konnten, hat in dieser Ausgabe einen eigenen kleinen Bericht erhalten. Beim Auswärtsspiel bei den verhassten Nachbarn aus Cava de’ Tirreni trennte man sich bei einem durchaus ansehnlichen Kick 1:1 Unentschieden. Aktuell befindet sich Salernitana auf Platz drei der Tabelle mit elf Punkten Abstand auf Platz eins, was eine Tendenz in Richtung der Playoffs statt direktem Aufstieg vermuten lässt. Wer sich schon einmal mit dem Relegationssystem in Serie C beschäftigt hat, wird feststellen, dass dieses kompliziert und langwierig ist. Immerhin überspringt man als Drittplatzierter die Vorrunden und steigt direkt ins Achtelfinale ein, wohingegen man als Viertplatzierter schon die Gruppenphase spielen muss. Bleibt abzuwarten, wie sich die Mannschaft in den nächsten Wochen und letzten Spielen bis Mitte April präsentiert, um noch Punkte zu sammeln und sich diesen kleinen Vorteil zu verschaffen.
US Salernitana – Casarano Calcio 3:0 (1:0)
So viele Jahre fahre ich nun schon regelmäßig nach Salerno und so viele Jahre schwärme ich davon. Kein Wunder also, dass auch in meiner Familie die Ohren größer wurden, wenn ich wieder mal aus Italien zurückkehrte. Den siebzigsten Geburtstag meines Vaters nahm ich dann zum Anlass, ihm ein Spiel in Salerno zu schenken, damit er sich auch mal selbst von den Erlebnissen überzeugen kann.
Der Gegner war erstmal zweitrangig, die Herausforderung ein Spiel zu finden, was entspannt zu erreichen und sich nicht mit einem Spiel von Schalke beißt, da schon größer. Zum Ärgernis unserer Freunde und in diesem Fall zum Glück für uns, finden in der Serie C einige Spiele unter der Woche statt. Also fix die Flüge, Mietwagen und Unterkunft gebucht und dem völlig überwältigten Vadda zum Geburtstag überreicht. Seine Aussage “ich mache alles mit, also verbringe die Tage wie immer” nahm ich mir dabei gerne zu Herzen.
Wir kamen in den Abendstunden in der Altstadt an, erster Anlaufpunkt ist dort natürlich die Sede von Centro Storico. Ich hatte mich nur einzelnen Leuten angekündigt und so wurden die Augen groß, als wir gut gelaunt an der Tür klopften. Noch größer wurden sie, als sie schnallten, wen ich da mitgebracht habe. Familie wird in Italien bekanntlich groß geschrieben und auch dort ist der häufigste Beginn der Fankarriere, dass der Vater den Sohn mit ins Stadion und in die Kurve genommen hat. Ab diesem Zeitpunkt wurde mein alter Herr dann quasi auf einer Sänfte durch Salerno getragen. Die Begeisterung war riesig, die Fratelli fühlten sich geehrt, mein Vater fühlte sich geehrt, nur ich stand etwas verdutzt daneben und wunderte mich über die Szenerie an diesem Abend.
Der Spieltag wurde gemütlich angegangen, das Wetter spielte zwar nicht so richtig mit und es fuhren leider keine Fähren zur Amalfi Küste. Also hieß es für mich, im Auto Serpentinen fressen. Die Orte sind natürlich inzwischen bekannt, aber nicht minder schön zu besuchen. Lange konnten wir allerdings nicht bleiben, schließlich stand noch ein Spiel am Abend an.
Die Zeit vor dem Spiel verbrachten wir bei Nuova Guardia. Auch hier war die Begeisterung groß und wir wurden wie immer herzlich empfangen. Bereits am Abend zuvor war zu vernehmen, dass das Spiel nicht normal angegangen werden würde. Trotz Platz drei in der Tabelle war die Leistung der Mannschaft zuletzt so schwach, dass es ein „weiter so“ nicht mehr geben würde. Die relevanten Gruppen der Curva Sud Siberiano steckten also die Köpfe zusammen und beschlossen, dass vor dem Anpfiff vor der Haupttribüne zunächst gegen die Leistung von Mannschaft und den weiteren Verantwortlichen protestiert werden sollte. Der erste Treffpunkt war dann eine Pizzeria am Meer, von der es dann zu Fuß zum Stadion und vor die Haupttribüne ging. Hier fanden dann alle Gruppen zusammen (lediglich UMS beteiligte sich nicht am Protest) und hinter dem Transparent mit der Aufschrift „Hai promesso tanto hai promesso tutto Iervolino guarda come ci hai ridotto“ (Übersetzt: Du hast viel versprochen, du hast alles versprochen und jetzt guck wie du uns ruiniert hast, Iervolino) formierten sich lautstark die Ultras. Adressiert war es an den Eigentümer Iervolino der wieder mal viel versprach und davon kaum etwas eingehalten hatte.
Während die Gruppen sich dann nach und nach in der Kurve einfanden, suchten wir unsere Plätze auf der Tribüne. Da Vadda nicht mehr so lange stehen kann, war es auch für mich nun die Premiere, die Curva Sud zum ersten Mal von außen auf einem Sitzplatz zu bewundern und was soll ich sagen, ich war unfassbar von der Lautstärke und Intensität der Kurve überrascht. Wie sehr ich die Lieder auch liebe, hätte ich eben diese Kraft in Sachen Lautstärke gar nicht erwartet. Zumindest habe ich sie bisher aus dem Herzen der Kurve heraus nicht so wahrgenommen.
Wir bekamen in den folgenden 90 Minuten also ein Konzert erster Güte geboten und auch die Mannschaft spielte endlich Mal wieder mit und siegte souverän mit 3:0. Ein Highlight für mich waren zwei kleine Jungs, die sich, mit Schwenkfahne bewaffnet, auf der Tribüne zu jedem Lied völlig austobten. Ab und zu der prüfende Blick nach oben, ob bei Mama oder Papa alles okay ist, ansonsten drehten sie in ihrer eigenen kleinen Ultranachwuchswelt komplett frei. Da geht das Herz auf und ich freue mich, dass auch hier Nachwuchs nachkommt. Ansonsten war das Stadion sehr schlecht besucht, nur 6.200 Tifosi fanden sich auf den Tribünen ein. Lediglich der Unterrang in der Kurve war voll besetzt.
Gäste waren nur ca. 25-30 angereist, eine Fanszene war dabei nicht auszumachen.
Während des Spiels wurden noch Geburtstagsglückwünsche an die verstorbene Celeste gesendet und nach dem Spiel der Mannschaft ein Spruchband mit der Aussage „Indegni“ was so viel wie „unwürdig“ heißt, entgegengehalten. Alles in Ordnung zwischen Mannschaft und Kurve ist also noch längst nicht alles. Aber ein erster Schritt ist vielleicht getan. Nach dem Spiel wurden wir dann klassisch in eine „Fressfalle“ gelockt. Wir waren vom Tag eigentlich völlig platt, als sich ein enger Freund von CS meldete, ob wir nach dem Spiel (Anstoß war 20:30) nicht noch gemeinsam EIN Panini essen wollten. Wir hatten zwar schon ausgiebig am frühen Abend gegessen, aber um auch ihm nochmal Hallo zu sagen, willigten wir ein und freuten uns auf ein kurzes Treffen. Tja, als wir um die Ecke der Sede von CS bogen, schnappte die Falle zu. Die Gruppe war noch fast vollzählig da, wir wurden ins Auto verfrachtet und in ein Restaurant gebracht. Widerstand war zwecklos und bei Bier und Gesangsbegleitung wurde uns ein Vier-Gänge-Menü serviert. Ich schaffte mehr oder weniger drei davon, während mein Vater tapfer durchhielt. Auch in diesen Stunden war er völlig geplättet von der unfassbaren Gastfreundschaft. Dass es danach nicht wieder zurück zum Apartment ging, sondern nochmal in eine kleine Bar für einen Nachtisch, wunderte da schon gar nicht mehr und der Limoncello tat gut daran, diese riesige Menge an Essen zu verdauen. Es war mittlerweile Mittwoch 1:30 Uhr und dass es um diese Uhrzeit frisch gebackenes Gebäck gibt, ist da eher bemerkenswert.
Glücklich fielen wir dann wenig später endlich in die Federn und mussten erstmal das Erlebte verdauen. Der Mittwoch fiel dann leider sprichwörtlich ins Wasser.
Es regnete in Strömen, aber dennoch konnte etwas Touri-Programm abgespult werden und die Tage fanden bei einem großartigen Essen ihr Ende.
Vielen Dank für die abermals großartige Gastfreundschaft.
Wie angekündigt startet in dieser Ausgabe die Interviewreihe mit der Gruppe Comandos Azules vom Verein Millonarios FC aus Bogotá in Kolumbien.
Es war und ist uns eine große Ehre, dass sich die ansonsten eher verschlossenen Mitglieder die Zeit genommen und unsere Fragen beantwortet haben. Das Interview ist sehr ausführlich geworden und wird sich insgesamt über drei Ausgaben erstrecken.
Beim Lesen der Zeilen werden euch nicht nur einmal die teilweise extremen Unterschiede zwischen Deutschland und Kolumbien auffallen, nicht nur im Stadion, sondern in allen Bereichen des Lebens. Behält man die verschiedenen Lebensrealitäten im Hinterkopf, macht das dieses Interview um so interessanter.
Viel Spaß beim Lesen.
Interview Comandos Azules (Millonarios FC) Teil 1
Vielen Dank, dass ihr dieses Interview angenommen habt. Zum Einstieg: Kannst du dich und die Gruppe Comandos Azules bitte kurz vorstellen?
Comandos Azules: Mein Name ist Pai, ich bin Ansprechpartner der Gruppe Kilombo Norte, die zu den Comandos Azules gehört. Ich bin 42 Jahre alt und seit 30 Jahren Mitglied der Barra.
Die Comandos Azules sind die repräsentativste Fangruppierung in ganz Kolumbien und ich bin seit 27 Jahren aktives Mitglied dieser Bewegung innerhalb eines engagierten Kernteams.
Wie kam es dazu, dass im Jahr 1992 die Gruppe Comandos Azules gegründet wurde? Hat der Name etwas mit dem argentinischen Actionfilm zu tun, der zwölf Jahre zuvor erschienen ist? Und wie ist das Logo mit dem Totenkopf und der Nummer 13 entstanden?
Comandos Azules: Die Idee, die du ansprichst, ist nachvollziehbar, aber der Name selbst wurde, zumindest aus unserer Sicht, nicht direkt aufgrund des Films gewählt, auch wenn einige Leute damals diesen Film als Referenz im Kopf hatten. Unter den ersten prägenden Mitgliedern und Wortführern der Bewegung waren damals Beto, Manrique, Morón, Tobi, Rasguños, Corti, Dog y La Bruja. Das waren sozusagen die „alten Hasen“, die Veteranen der ersten Stunde.
Die Totenkopf-Symbolik wurde schon früh übernommen und ist bis heute zentral. Sie steht symbolisch für die Treue zu Millonarios, bis über den Tod hinaus. Auf dem allerersten Mitgliedsausweis stand zum Beispiel der Satz: „Gültig auch nach dem Tod.“ Die Calavera (Totenkopf) war also von Anfang an das Symbol der Bewegung.
Etymologisch steht der Totenkopf für die Ewigkeit des Seins – denn auch nach dem Tod bleibt die Identifikation mit dem Verein bestehen.
Wie war die Situation auf der „Lateral Norte“ (Nordtribüne), als ihr euch entschieden habt, die Gruppe zu gründen?
Comandos Azules: Früher, oder besser gesagt, als wir beschlossen haben, uns als Gruppe, als Parche, zu organisieren, war das eher aus dem Bedürfnis der „Barra“ heraus, all die Leute zu identifizieren, die damals dabei waren. Es waren viele, Millonarios war zu der Zeit sehr angesagt. In einer Generalversammlung wurde dann versucht, die Leute aus den verschiedenen Zonen zusammenzubringen.
Es herrschte damals kein besonders angespannter Zustand. Es gab zwar territoriale Streitigkeiten oder Machtkämpfe innerhalb der „Barra“, aber diese Konflikte waren noch nicht so festgefahren oder in Stein gemeißelt. Es gab zwar Gründer und Führungspersönlichkeiten, aber wir teilten nicht unbedingt ihre Denkweise oder wollten uns nicht von ihnen vereinnahmen lassen.
Deshalb verstanden wir uns klar als Gegenpol zu den sogenannten „Ratas“ – also zu jenen Personen, die inner halb der eigenen Fanszene andere Millonarios-Anhänger bestahlen. Es waren weder loyale Fans noch organisierte Profikriminelle, sondern Einzelne, die gezielt Gelegenheiten zum Diebstahl nutzten. Diese Mentalität widersprach unserem Verständnis von Zusammenhalt und gegenseitigem Schutz, weshalb wir sie nicht tolerieren wollten.
Innerhalb der „Barra“ führte das immer wieder zu Spannungen. Nach einem Vorfall auf einer Auswärtsreise, bei dem wir selbst bestohlen wurden, kam es zu einer direkten Konfrontation und wir gingen entschieden dagegen vor. Zwar wurde niemand schwer verletzt, doch es gab Zusammenstöße. Mit einigen Gruppen suchten wir später das Gespräch, mit anderen kam es zur Versöhnung. Insgesamt herrschte eine angespannte Ruhe – doch die Ereignisse legten den Grundstein für spätere Konflikte.
Sprechen wir über die Gegenwart: Wie seid ihr aktuell organisiert? Gibt es ein formelles Mitgliedssystem?
Comandos Azules: Ein formelles Mitgliedssystem im klassischen Sinne gibt es nicht, aber es existiert eine klare und strukturierte Organisation. Es gibt eine Leitungsebene, die man „diligencia“ nennt. Sie führt den jeweiligen Parche (die Untergruppe). Darunter folgen die „Jefes de Parche“, also die Verantwortlichen für jede Gruppe innerhalb eines Stadtteils oder Viertels.
Wir selbst gehören zum Parche La Kilombo Norte, der die Zone 1 und Usaquén repräsentiert. Unsere Struktur besteht aus einem „Jefe de Parche“ (Chef) und einer Art Vorstand, der sich regelmäßig abstimmt. Wöchentliche Treffen sind üblich. Dort wird über Choreografien, Auswärtsfahrten und kommende Veranstaltungen gesprochen.
Innerhalb der größeren Organisation der Barra gibt es eine Präsidentschaft, also einen Präsidenten, der die Kommunikation mit den anderen Führungspersonen übernimmt. Diese Präsidentschaft legt die Strategien und Richtlinien fest, denen sich alle Parches bei jedem Spiel anschließen.
In Kolumbien ist die Struktur etwas anders als in vielen anderen Ländern: Die Gruppen sind landesweit organisiert und nicht nur auf die Hauptstadt Bogotá beschränkt. Es existieren in zahlreichen Städten eigene Zusammenschlüsse und „Parches“, die jeweils regional verwurzelt sind.
So gibt es in Bucaramanga beispielsweise Gruppen wie La Decadencia de Bucaramanga oder in Cali die Forza Afuera. In Medellín bestehen mehrere kleinere Parches, etwa Familia Azul oder Medellín Azul. Aus unserer Sicht gehören diese Zusammenschlüsse jedoch alle zur gemeinsamen Struktur der Comandos Azules in Medellín, auch wenn sie zahlenmäßig kleiner sind. Entscheidend ist weniger ihre Größe, sondern die gemeinsame Identität und Zugehörigkeit innerhalb der landesweiten Organisation.
Der Unterschied zu anderen Barras in Kolumbien ist, dass sie oft deutlich mehr Sektionen oder Untergruppen haben. In Bogotá gibt es vier gegnerische große Barras, von denen zwei direkt aus der Stadt selbst stammen.
Wie sieht euer Alltag aus? Habt ihr Treffpunkte oder feste Orte in Bogotá oder anderen Städten Kolumbiens? Gibt es bestimmte Tage in der Woche, an denen ihr euch trefft?
Comandos Azules: Ja, unser Alltag ist nicht unbedingt gewöhnlich. Zumindest für diejenigen von uns, die aktiv in der Barra involviert sind. Die meisten von uns arbeiten nicht im klassischen Sinn in einem Büro oder in einem festen Job, sondern sind in sozialen und politischen Projekten tätig. Wir arbeiten eng mit Institutionen, Stadtverwaltungen und verschiedenen Regierungsstellen zusammen, die uns bei Integrations- und Gemeinschaftsprojekten unterstützen.
Unsere Vision ist es, langfristig Mitglieder unserer Organisation in politische Positionen zu bringen. Etwa als Ratsmitglieder oder Abgeordnete, um gesellschaftlich aktiver Einfluss nehmen zu können.
Wir sind in verschiedenen Stadtteilen präsent und es gibt auch Trainings- und Bildungsangebote, sogenannte „escuelas de formación“. Uns ist bewusst, dass Kolumbien ein fußballverrücktes Land ist. Auch wenn es in anderen Sportarten wie der Formel 1 oder im Radsport ebenfalls große Erfolge gab. Trotzdem meiden viele den Fußball wegen der damit assoziierten Gewalt. Gerade in den 90ern und Anfang der 2000er wurden wir in den Medien sehr negativ dargestellt. Wer ins Stadion ging oder ein Trikot trug, wurde schnell als kriminell abgestempelt.
Ein wesentlicher Teil unserer sozialen Arbeit besteht darin, diesen Stigmata entgegenzuwirken. Wir bauen auf etwas, das wir “cultura futbolera” nennen. Das ist eine Art sozialer und kultureller Leitfaden, den wir in allen Vierteln einsetzen, um unsere Identität als Fans zu stärken.
Dazu gehören zum Beispiel sogenannte „ollas futboleras“ – soziale Kochtreffs –, bei denen gemeinsam gekocht und Essen verteilt wird. Auch kulturelle und soziale Veranstaltungen wie Halloween für Kinder, Weihnachtsaktionen oder Nachbarschaftsfeste gehören dazu. Das ist alles Teil eines kulturellen und politischen Aufbaus, mit dem wir unsere Präsenz im Viertel stärken wollen.
Natürlich gibt es auch die Realität der Gewalt im Fußballumfeld. Wir suchen diese Gewalt nicht, aber wir ignorieren sie auch nicht. Wenn wir auf gegnerische Gruppen treffen, kann es zu Auseinandersetzungen kommen, vor allem, wenn Reviergrenzen verletzt werden.
Von unserem Parche sind die Treffpunkte in Bogotá vor allem zwei zentrale Parks: der Parque Villa del Prado und der Parque del Éxito (auf der 170). Jedes Parche hat in seinen Barrios Parks, die mit Wandmalerungen markiert sind. Ein paar Kreuzungen südlich von unserem Park gibt es zum Beispiel den Treffpunkt einer Gruppe von Nacional Medellin. Ein paar Kreuzungen westlich den Treffpunkt eines Parches von Santa Fe. In unseren Parks halten wir unsere regelmäßigen Versammlungen ab. Diese Parks sind symbolisch für unsere Gruppe, genauso wie andere Gruppen ihre eigenen Treffpunkte haben.
Obwohl es früher häufiger zu Straßenschlägereien kam, ist das heute nicht mehr unser Fokus. Wir versuchen, friedlich präsent zu sein, aber wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt, folgt meist eine direkte Reaktion.
Wie ist das Verhältnis zu anderen Barras von Millonarios? Zum Beispiel ist bekannt, dass es im Stadion irgendwann physische Auseinandersetzungen mit der Barra „Blue Rain“ gab …
Comandos Azules: Das Verhältnis zu anderen Barras ist kompliziert. Unsere Gruppe war immer Teil der internen Spaltungen innerhalb der Barra, insbesondere von Anfang an mit Konflikten gegenüber den ersten Führungspersönlichkeiten. Seit jeher sind wir Teil des Kerns von Comando Azul und deshalb waren wir auch bei fast allen internen Auseinandersetzungen direkt an vorderster Front beteiligt. Sei es gegen Blue Rain, gegen GR oder andere Gruppen.
Viele dieser Konflikte entstanden, weil wir mit der Art und Weise, wie andere Gruppen geführt wurden, nicht einverstanden waren. Da wir ihre Strukturen nicht unterstützen wollten und anders dachten, kam es zwangsläufig zu Reibungen und handfesten Streitigkeiten. Wir haben dabei immer gezeigt, dass wir eine geschlossene, starke Einheit sind, auch wenn sich das manchmal gegen andere Gruppen derselben Fangemeinde richtete.
Heute ist die Organisation sehr stark. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob sie stärker ist als früher, aber wir sind überzeugt, dass die derzeit 87 Parches, die die Organisation bilden, ein nie dagewesenes Engagement gegenüber der „Calavera“ (dem Totenkopf als Symbol der Gruppe) zeigen. Gleichzeitig besteht die offizielle Führung der Barra nur aus elf Parches, was in manchen Situationen als ausschließend oder nicht vollständig repräsentativ wahrgenommen wird.
Mit einigen Gruppen – zum Beispiel La Vagancia, Comando Terror Sur, La Temible Fundación oder den Gruppen aus Chapinero – verbindet uns ein brüderliches Verhältnis. In möglichen Konfliktsituationen wissen wir genau, auf wen wir uns verlassen können – und auf wen nicht.
Natürlich gab es in der Vergangenheit auch Auseinandersetzungen, teils heftig. Insbesondere vor etwa zehn Jahren war das Konfliktniveau deutlich höher. Heute ist die Lage etwas ruhiger, aber es gibt immer wieder Spannungen und man muss vorsichtig sein, besonders wenn es um Symbole wie das Trikot geht. Man sollte wissen, mit wem man es zu tun hat.
Anders als in Deutschland, wo soziale Netzwerke oft kritisch gesehen werden, nutzt ihr sie sehr aktiv und habt sogar Accounts mit Hunderttausenden von Followern. Wie wichtig ist für euch die Kommunikation über diese Kanäle? Habt ihr Regeln, was gepostet werden darf und was nicht?
Comandos Azules: Soziale Netzwerke sind für uns zwar nicht flächendeckend professionalisiert, aber wir haben durchaus viele Follower, darunter auch Menschen aus dem Ausland. In Kolumbien ist die Zugehörigkeit zu einer Barra in sozialen und beruflichen Kontexten oft negativ behaftet. Viele Familien oder Arbeitgeber sehen das als problematisch.
Deshalb nutzen wir die Netzwerke bewusst, um ein anderes Bild zu zeigen. Wir wollen die positive Seite hervorheben: die „Cultura Futbolera“, unsere sozialen Projekte, unser Engagement im Viertel und auch unsere politische Arbeit. Die offiziellen Medien verbreiten oft ein verzerrtes Bild, weshalb es wichtig ist, unsere Realität sichtbar zu machen.
Wir veröffentlichen Inhalte über Wandmalereien, soziale Aktionen, politische Begleitung und andere kulturelle Aktivitäten in den Stadtteilen. Unser Ziel ist es, ein klares, positives Image aufzubauen. Dabei achten wir darauf, keine sensiblen Informationen oder Gesichter ohne Zustimmung zu zeigen – etwa bei Geburtstagsfeiern oder Tribünenaufnahmen.
In Bezug auf Sicherheit ist Kolumbien noch weniger streng überwacht als Länder wie Deutschland. Dort gibt es bereits biometrische Kameras und klare Identifikation von Fans, hier hingegen ist vieles noch nicht vollständig reguliert. Das bedeutet aber auch, dass man nicht anonym bleibt. Die Behörden kennen viele unserer Mitglieder, weil sie zum Beispiel in Stadtverwaltungen arbeiten und registriert sind.
Wir wissen, dass es nicht mehr möglich ist, sich zu verstecken. Die Institutionen haben Namen, Adressen und Telefonnummern. Deshalb gilt: Wenn wir etwas posten, dann ohne identifizierbare Gesichter, gerade um rechtliche Probleme zu vermeiden. In Deutschland gibt es eine konsequent angewandte Sportgesetzgebung, bei uns in Kolumbien ist das noch nicht so ausgeprägt.
Andersherum, bekommt man hier aber auch zehn Jahre Haft, wenn man mit einem Trikot jemanden verletzt, aber gar nichts, wenn es ohne Trikot passiert. Dieses Ungleichgewicht ist einer der Gründe, warum wir langfristig politisch aktiv sein wollen, um solche Ungerechtigkeiten mitzugestalten.
Köln: Auf dem Weg zum Auswärtsspiel des 1. FC Köln beim VfB Stuttgart wurde ein Großteil der aktiven Fanszene auf einer Raststätte von der Polizei gestoppt und eingekesselt. Die Staatsmacht riegelte den Rasthof ab, durchsuchte die Busse und untersagte den Kölnern anschließend die Weiterfahrt. Begründet wurde dies mit einem möglichen Aufeinandertreffen mit Anhängern aus Mönchengladbach. Ihnen wurde dadurch ein Betretungsverbot für Stuttgart ausgesprochen. Als ,,Alternative’’ besuchte die aktive Szene stattdessen das U21-Spiel des 1. FC Köln.
Bochum: Auch bei der Partie zwischen dem VfL Bochum und dem SC Paderborn blieb der Gästeblock leer, weil die aktive Szene aus Paderborn von der Polizei bereits vor dem Anpfiff an der Anreise gehindert wurde. Die Paderborner hatten ihren ursprünglichen Reiseplan geändert und tauchten in Bochum-Gerthe auf, von wo aus sie zum Stadion laufen wollten. Aufgrund einer polizeilichen Gefahrenprognose, die von einer möglichen Auseinandersetzung mit Anhängern aus Bochum ausging, stoppten die Bullen die Gruppe und schickten sie zurück. Auch hier wurde ein ,,alternatives’’ Programm gewählt und so besuchte die Szene das Heimspiel der U23.
Frankreich: Die aktive Szene von Olympique Marseille protestiert derzeit gegen deren Vereinsführung. Beim Heimspiel gegen Racing Straßburg machten die Anhänger ihrem Frust über die sportliche Krise und die Klubführung mit einem koordinierten Protest Luft. Teile der Kurven blieben zunächst leer, der Einlass wurde bewusst verzögert und das Team schon beim Aufwärmen ausgepfiffen. Die Szene aus Marseille betrat erst zur 15. Spielminute das Stadion. Zahlreiche Banner richteten sich direkt gegen den Besitzer Frank McCourt und die Vereinsführung. Hintergrund der Proteste sind die anhaltende Erfolglosigkeit sowie der kürzliche Trainerwechsel nach dem Aus von Roberto De Zerbi. Als Marseille auch dieses Spiel nach Führung verlor, versuchten die Anhänger in den Innenraum vorzudringen, um Verantwortliche zur Rede zu stellen. Der Protest verdeutlichte die tiefe Entfremdung zwischen Fans und Vereinsführung.
