Glück auf Schalker,

nachdem uns das Spiel in der 2. Liga erspart blieb, ist der heutige Gegner auf dem Platz mal wieder das Bundesliga-Team aus Leipzig. 

Vor über zehn Jahren gelang dem Konstrukt der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Bei dem einen oder anderen hat sich sicherlich so etwas wie Gewohnheit eingeschlichen, anstelle der Zornesröte, die einem früher beim Gedanken an RB direkt ins Gesicht stieg. Und genau das darf nicht sein! Niemals darf dieser Gegner einer sein wie jeder andere. Jeder Verein aus dem Hause des Brauseherstellers muss vollumfänglich abgelehnt werden. 

Nicht umsonst wird auch zum heutigen Spiel wieder die Zaunfahne „Gegründet von Kumpeln und Malochern“ über der Nordkurve thronen. Sie symbolisiert ein Gefühl, welches die Besucher im Gästeblock niemals empfinden werden – selbst wenn sie wahrscheinlich auch in den nächsten zehn Jahren mit ihrem Marketing-Produkt in der 1. Liga Erfolge feiern. Tradition kann man nicht kaufen und genau das müssen wir ihnen das gesamte Spiel vor Augen und Ohren führen.

Auf dem Feld verliefen die letzten Spiele zusehends schleppend und gegen Mainz kann man sicherlich von einem Totalausfall sprechen – auch in der Kurve war es dabei nicht viel besser. 

In Köln hat der Anreiseweg nicht ganz so funktioniert wie wir uns es vorgestellt haben, aber alles ist besser als die Straßenbahnfahrt ab Köln-Deutz. Nach einem ausgiebigen Samstagsspaziergang sahen wir eine kämpfende Schalker Mannschaft, die einen wichtigen Punkt mit nach Gelsenkirchen nehmen konnte.

In dieser Ausgabe erwarten euch wieder zwei Texte, die aus den üblichen Rubriken etwas hinausragen. Zum einen setzen wir unsere Mini-Serie über die Repressionen in Italien fort und behandeln unter aUsGEholt den Articolo 9. Des Weiteren findet ihr in der Blick über den Tellerrand-Rubrik den zweiten Teil des Interviews mit Loca Ragazzi aus Constantine in Algerien. Eindrücke, die man nur selten zu lesen bekommt. Der Dresden-Spielbericht wurde leider aufgrund des Redaktionsschlusses auf die nächste Ausgabe verschoben.

In diesem Sinne: Scheiß RB!

FC Schalke 04 e.V. – FSV Mainz 05 e.V. 0:1 (0:1)

Vor dem Spiel

Freute man sich nach dem Aufstieg endlich wieder, zur klassischen Fußballzeit Samstag um 15:30 Uhr zu spielen, hatte die DFL erstmal andere Pläne für uns. So dauerte es bis zum 6. Spieltag, ehe wir endlich wieder zur traditionsreichsten Anstoßzeit antreten durften.

Der Club75 füllte sich dementsprechend gut und so ging es mit einem gewohnt großen Haufen gen Arena. Den Einlass passiert, standen auch schon unsere fliegenden Händler mit dem druckfrischen Nordkurven-Kalender parat. Deckt euch ordentlich ein, einen Kalender kann jeder gebrauchen. Lasst uns gemeinsam Gutes in unserer Stadt bewegen!

Nordkurve Gelsenkirchen

Vor dem Anpfiff testeten wir mit „Solang ich leb“ ein neues Lied, welchem allerdings noch die Durchschlagskraft fehlte. Das zog sich leider auch mit in die Partie und so blieb es bis auf ein, zwei Ausreißer, in denen man das Stadion mitnehmen konnte, und einem soliden „Vorwärts Schalke!“ viel zu leise in unserer Kurve.

Die Mannschaft schien sich von der Stimmung anstecken zu lassen und verschlief weite Teile der ersten 45 Minuten völlig. Die Mainzer kamen bereits nach 60 Sekunden zu zwei Riesenchancen, die der stark aufgelegte Karius überragend entschärfen konnte. In der 24. Spielminute war aber auch er machtlos und der FSV erzielte die verdiente Führung, mit der es in die Pause ging.

Im zweiten Abschnitt ergab sich ein ähnliches Bild. Die Nordkurve zeigte nur vereinzelt ihr Potenzial und blieb über die meiste Zeit ziemlich blass. Positiv in Erinnerung blieben ein lange getragenes „Schalke 04 Ole, Ole“ und „Asoziale Schalker“, mehr Lieder brachten den Funken allerdings nicht zum Überspringen.

Unsere Elf wachte in den letzten 20 Minuten nochmal auf und entwickelte etwas mehr Druck. Zwingende Chancen sprangen dabei aber nicht wirklich raus, weshalb es am Ende beim 0:1 blieb. Als die Mannschaft mit hängenden Köpfen zur Kurve kam, wurde sie deutlich auf die Wichtigkeit der Partie in der Domstadt hingewiesen und mit Applaus verabschiedet.

Gegner

Die Mainzer Szene schien Probleme bei der Anreise gehabt zu haben und betrat den Gästeblock erst um die 35. Spielminute. Der ausgerufene Dresscode „Alle in Rot“ sorgte für ein geschlossenes Bild.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit zeigte die Nachwuchsgruppe der Ultraszene Mainz, Subciety, eine Choreo zum 20-jährigen Bestehen. Unter dem Motto „Feel the Rage of a new Generation“ wurde das Logo der Gruppe mit einem Aufsteller im Block gezeigt und rote Fahnen geschwenkt. Im Laufe der Aktion kamen noch Blinker und massig roter Rauch zum Einsatz. Auch wenn alles etwas holprig durchgeführt wurde, kann man am Ende von einem gelungenen Gesamtbild sprechen.

Akustisch hinterließen die Gäste keinen bleibenden Eindruck, auch wenn dauerhaft Bewegung auszumachen war. Situativ wurden in der zweiten Halbzeit immer wieder Fackeln eingesetzt.

Freunde

Neben unseren Freunden aus Enschede und Mönchengladbach ließ es sich auch eine große Abordnung aus Nürnberg nicht nehmen, sich quasi direkt im Anschluss an ihre Tour nach Cottbus auf den Weg zu machen, um uns zu unterstützen. Vielen Dank für euren Besuch!

1. FC Köln GmbH & Co. KGaA – FC Schalke 04 e.V. 0:0 (0:0)

Vor dem Spiel

Um die elendige Bahnfahrt aus Deutz zum Stadion zu vermeiden, die Anreise potentiell etwas spannender zu gestalten und gleichzeitig einigen „Bahn-Verboten“ aus dem Weg zu gehen, hatten wir uns im Vorfeld ein Parkhaus unweit von Müngersdorf als Ausgangspunkt ausgesucht. Allerdings waren die Bullen auf Zack und konnten unseren Haufen nach einem kurzen Katz-und-Maus-Spiel in Schach halten. Von Kölner Seite bekam man daher, bis auf ein neugieriges Kraftfahrzeug, nichts zu sehen.

Nach einem kurzen Kessel ging es glücklicherweise recht zügig über einen Umweg in Richtung Stadion, wo man letztendlich sogar pünktlich anflaggen konnte. Dass die Bullenpräsenz rund ums Stadion mal wieder jeglichen Rahmen sprengte, ist an dieser Stelle kaum noch eine Erwähnung wert.

Nordkurve Gelsenkirchen

Die Geschichte dieses recht trostlosen Nachmittags im Kölner Stadion ist leider schnell erzählt. Vor dem Spiel stimmte man sich mit einigen Grüßen an die Gastgeber und einem stabilen Wechselgesang zwischen Unter- und Oberrang auf die neunzig Minuten ein. Allerdings hatte man auch immer wieder mit dem berühmtberüchtigten „Kanon“ zu kämpfen.

Während das Einsingen und Pöbeln vor Anpfiff noch relativ gut funktionierten, war danach deutlich zu oft die Luft raus. Es bringt nichts, wochenlang von solchen Ansetzungen zu schwärmen, wenn man am Ende das Maul nicht aufbekommt. Gerade angesichts des Stellenwerts einer solchen Partie kann es nicht sein, dass man gegen einen der größten Rivalen einen derart schwachen Auftritt abliefert. Hier müssen sich sowohl die eigenen Reihen als auch der Rest des Gästeblocks an die eigene Nase fassen. Einer der wenigen positiven Ausreißer im ersten Durchgang war ein recht starkes „Asoziale Schalker“. Auch gegen Spielende konnte man unter anderem mit „Von der Elbe bis zur Isar“ noch ein, zwei bessere Momente erzeugen. Insgesamt waren diese Lichtblicke allerdings viel zu selten.

Das Geschehen auf dem Rasen fügte sich nahtlos ins Gesamtbild ein und bot ebenfalls kaum Höhepunkte. Das 0:0 passte letztendlich zu einem Nachmittag, an dem wir über weite Strecken hinter unseren eigenen Erwartungen zurückblieben. Der Mannschaft kann man in Sachen Einstellung jedoch keinen Vorwurf machen. 

Zurück zum Parkhaus ging es anschließend per Straßenbahn, die allerdings eine halbe Ewigkeit von den Cops an der Abfahrt gehindert wurde. Ansonsten verlief die Rückreise ereignislos und immerhin zeittechnisch angenehm.

Gegner

Auch die aktive Fanszene des „Effzeh“ wurde dem Rahmen dieser Begegnung weitestgehend nicht gerecht. Viel zu selten kam akustisch etwas bei uns an, gerade wenn man bedenkt, dass wir selbst über weite Strecken nicht gerade brachial dagegen hielten. Wenn, waren es auch eher die üblichen Pöbelein in unsere Richtung. Auch bei den Hüpfeinlagen blieb der große Funke aus. Optisch hingegen wusste die Südkurve mit einer Vielzahl gut eingesetzter Fahnen durchaus zu überzeugen.

Dass man es sich trotz der Ereignisse der vergangenen Jahre nicht verkneifen konnte, großspurige Botschaften in Richtung Mönchengladbach zu schicken, dürfte letztendlich niemanden überrascht haben. Weitere Spruchbänder gabs zu politischen Themen und zum Marketingkonzept des eigenen Vereins. Auffällig war zudem eine ziemlich große Fahne der Supras Auteuil am Zaun. Hier wurde die Kölner Seite offenbar von einer größeren Abordnung aus Paris unterstützt.

 

Freunde

Unser Dank geht an die zahlreichen Freunde aus Enschede und vor allem aus Mönchengladbach, die uns an diesem Tag unterstützten. Gleiches gilt für die Jungs von Karsud Paris, die uns ebenfalls nach Köln begleiteten – Merci beaucoup.

 

Sonstiges

Während die SVler der Heimseite die Spiele auf Schalke gerne eher außerhalb von Gelsenkirchen verbringen, schaffte es unsere Sek SV trotz einiger Betretungsverbote zumindest nach Köln rein, hatte aber auch dort irgendwann unerwünschte Gäste vor dem Laden stehen. Weitere Maßnahmen blieben aber zum Glück aus.

VAK-P Enschede

Lincoln Red Imps FC – FC Twente Enschede 1:4 (1:2)

Als die Auslosung zur Gruppenphase der Conference League Twente das britische Überseegebiet Gibraltar bescherte, war mir klar “Die Reise musst du antreten”. Schnell wurden zwei Mitstreiter gefunden. Die Reisegruppe also zusammengestellt, mussten erst einmal bezahlbare Flüge gefunden werden, was nicht wirklich funktioniert hat. Da Gibraltar selbst ausschließlich über England zu erreichen ist, wurde ein Flug ins nahegelegene Malaga angepeilt.

Am Vorabend des Abflugs erreichte uns die Nachricht, dass der Flug bereits 1,5h Verspätung hatte. Trotzdem beschlossen wir, ähnlich früh am Flughafen anzukommen. Man weiß ja nie und der Deutsche geht ja schließlich am liebsten auf Nummer sicher. Das Ende vom Lied: Sicherheitskontrolle passiert, hatten wir natürlich noch zwei Stunden bis zum Boarding. Es blieb also genügend Zeit, morgens um 5 Uhr bei den ersten Kaltgetränken noch über internationale Reisen vergangener Tage zu philosophieren.

In Malaga angekommen, warteten wir noch kurz auf die Ankunft von ein paar Brüdern aus Enschede und los ging es mit dem bereits vorbestellten Transfer, der sich als ein ganzer Reisebus für uns zehn Leute herausstellen sollte – was für ein Service. Die Fahrt führte knapp zwei Stunden entlang der Costa del Sol. Für ein Mitglied meiner Reisegruppe war eine Fahrt ohne Pause nach den ersten Bieren allerdings irgendwann keine Option mehr und wir versuchten dem Busfahrer gemeinsam mit einem Mix aus gebrochenem Spanisch und Englisch mitzuteilen, dass er bitte dringend entweder die Bustoilette öffnen muss oder an der nächsten Raststätte ranfahren soll. Die Kommunikation war erfolgreich und er steuerte die nächste Ausfahrt an, wo wir die Chance direkt nutzten, unseren Biervorrat wieder aufzufüllen und die Raststätte etwas zu verschönern.

Angekommen an der Unterkunft staunten wir nicht schlecht, als uns unser Balkon einen Ausblick mit Flughafenlandebahn, Mittelmeer, einer Gebirgskette und einem riesigen Friedhof in einem lieferte. Danach ging es direkt zum Strand, wo wir uns nicht davon abhalten ließen, direkt ins 19 Grad kalte Meer zu springen. Gehört ja schließlich dazu, wenn man überlegt, dass man so schnell erstmal kein Meer sehen würde.

Nach dem Abendessen bei standesgemäßen Fish and Chips für mich, ließen wir den Abend gemeinsam in mehreren Pubs ausklingen und feierten noch in den Geburtstag eines Mitglieds von U91 rein. Da der Spieltag anstrengend genug werden sollte, machten wir uns auf den Weg ins Hotel und versuchten ein paar Stunden Schlaf zu ergattern.

Auf dem Weg zum gemeinsamen Frühstück beschwerte sich ein Mitglied meiner Reisegruppe durchgehend über meine schlechte Laune. So viel Schlaf hatte es scheinbar für mich nicht gegeben und der Kater kickte gut rein. Die Seiten sollten hier allerdings kurze Zeit später noch getauscht werden. Zwei Ibus und ein hervorragendes Frühstück später war ich wieder am Start und die freie Zeit sollte genutzt werden, um den berühmten Affenfelsen zu erklimmen. Dort leben schließlich die einzigen frei lebenden Berberaffen auf dem europäischen Kontinent, muss man also gesehen haben. Hier begann nun die schlechte Laune meines Kollegen, der unter keinen Umständen zu Fuß gehen wollte. Zitat: „Guck mal, wie hoch der Berg ist, da kann man gar nicht zu Fuß hoch“. Es wurde also nach einer anderen Lösung gesucht, und kurze Zeit später ein Bus gefunden, der uns auf Dreiviertel des Berges brachte. Erstmal keine Affen in Sicht. Da das Geburtstagskind aber unbedingt die Affen sehen wollte, gingen wir erstmal wieder einige Höhenmeter hinunter, was der Laune meines Mitreisenden gar nicht gut tat. Wir hätten ja schließlich extra den Bus bezahlt, damit er uns hochfährt. Er versuchte uns zu erklären, dass wir diese Meter später wieder hochgehen müssen – vergebens. Nach einer Viertelstunde endlich bei den Affen angekommen, bekam der erste Affe einen Aufkleber zum Posieren in die Hand. Als ich ihm den Aufkleber wieder wegnehmen wollte, machte er mir schnell deutlich, dass dies nun sein Aufkleber sei, wurde dann akzeptiert. Noch kurz den herrlichen Ausblick genossen und einige alte Kriegsbunker erkundet, gingen wir die besagten Höhenmeter wieder hinauf, die dann doch steiler waren als gedacht. Er hatte uns ja vorgewarnt.

Wieder unten trafen wir uns vor dem ausgerufenen Treffpunkt noch in einem anderen Pub, was wir später noch bereuen würden. Von dort aus sollten es laut Google Maps nur 15 Minuten zu Fuß zum Treffpunkt sein, nach 30 Minuten stellten wir dann fest, dass die letzten 100 Meter Luftlinie nur einen Felsen mit Wasserfall hinunter führten. Da hätten wir laut Google Maps scheinbar springen sollen. Der einzige Weg zum Treffpunkt führte dann ganz in den Süden, schonmal am Stadion vorbei, durch einen Tunnel, was uns weitere 30 Minuten kostete. Gar nicht dran zu denken, wie die Laune unseres Mitglieds nun sein müsste. Wir fragten besser nicht nach.

Endlich am Treffpunkt, einem Beach Club direkt am Meer, angekommen, konnten wir den Bierhaushalt bei bester Kulisse schnell wieder auffüllen und noch ganze drei Stunden den wohl letzten warmen Tag des Jahres genießen. Nicht schlecht für Ende Oktober. Spätestens da war die Laune bei allen Anwesenden wieder ganz oben. Durch einen schützenden Felsen erreichte uns dort nur die knallende Sonne und keinerlei Wind, da waren es mal eben gefühlte 30 Grad.

Ultras VAK-P hatten zu einem Marsch aufgerufen, bei dem sich gut 600 Tukkers auf den Weg zum Stadion an den südlichsten Punkt Gibraltars machen sollten. Bevor es losging, noch schnell das Ticket fürs Spiel getauscht, meine Hoffnung auf eine Papierkarte für dieses besondere Stadion wurde jedoch schnell zunichtegemacht, als ich bereits aus 50 Metern den ausgedruckten Stapel Print@Home-Tickets sehen konnte. Der Weg führte circa 15 Minuten durch einen knapp 500 Meter langen Tunnel direkt zum Stadion. Diesen kannten wir ja bereits bestens durch unseren kleinen Umweg. Wir versammelten uns unmittelbar davor mit einem Wasserfall im Hintergrund, ein sehr beeindruckendes Schauspiel. Nach ein paar Hundert Metern ging es hinein und wir staunten nicht schlecht, wie sehr die Gesänge im Tunnel schepperten, alle waren mächtig gespannt auf den Spielort und die Vorfreude war jedem anzumerken.

Am Europa Point Stadium angekommen, war das Flair direkt spürbar. Tribünen nur auf zwei der vier Seiten mit teilweise unter zehn Reihen, im Hintergrund ein Felsen, rechts vom Gästeblock direkt der Blick auf das Mittelmeer inklusive Leuchtturm. Ziemlich geil!

In dem Stadion wird normalerweise Rugby gespielt und der Lincoln Red Imps FC spielt dort nur solange sich das Victoria Stadium am nördlichen Ende des Landes noch im Umbau befindet. Großes Glück also für uns. So etwas wie eine organisierte Fanszene gibt es beim Gegner nicht und generell liegt der Zuschauerschnitt hier bei ein paar Hundert Menschen. Durch die 600 Gäste konnte die Zuschauerzahl immerhin auf 1.200 geschraubt werden. Offiziell wurde das Spiel übrigens zu einem Hochrisikospiel deklariert, weil die Fans von Twente dafür bekannt wären, sehr viel Pyrotechnik einzusetzen. Der Präsident des Gastgebers stellte den Antrag, der Verband stimmte zu. Erwähnenswert ist das günstige Bier und die Tatsache, dass dieses auf britischem Boden sogar mit auf die Ränge genommen werden durfte. Der Gästeblock sang sich warm und war zum Anpfiff gut aufgelegt, so erwarteten wir alle eine klare Angelegenheit gegen den Serienmeister aus Gibraltar. In der 19. Minute dann endlich das 1:0 für unsere Truppe, fünf Minuten später folgte das 2:0. So konnte es weitergehen, dachten wir, aber irgendwie schaffte es der Gegner aus der ersten halben Chance des Spiels noch vor der Pause den Anschluss herzustellen. Nach dem Pausentee dann in der 57. Minute endlich das erlösende 3:1, worauf später nach zahlreichen Chancen noch das 4:1 in der Nachspielzeit folgte. So fiel der Sieg deutlich zu knapp aus, aber geschenkt, die drei Punkte waren im Sack und die Tukkers mit sechs Punkten aus zwei Spielen in den Top 8 der Conference-League. Nach dem Spiel kam die Mannschaft noch für ein gemeinsames Bild vor die Kurve. Dabei bekamen sie ein Transparent mit einer Botschaft für ein Mitglied von Ultras VAK-P, welches schon länger eine schwere Zeit durchmacht. Timo, kop omhoog!

Nach dem Spiel herrschte kurz Chaos bei den bereitgestellten Shuttlebussen. So hatte der erste Bus gar keinen Busfahrer und es musste ein neuer Bus kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachte uns dieser dann wieder an das andere Ende des Landes an die Grenze Spaniens. Von hier aus hätten wir nun einfach ins 300 Meter entfernte Hotel gehen können, aber wir ließen es uns nicht nehmen, nochmal einen Abstecher in die Bar des Vorabends zu machen, um die Reise gebührend bei ein paar letzten Kaltgetränken zu beenden. Das böse Erwachen kam dann beim Blick auf den Wecker, der uns noch anderthalb Stunden Schlaf gab. Völlig übermüdet ging es kurze Zeit später zu Fuß über die Landebahn des Flughafens von Gibraltar auf die andere Seite nach Spanien, wo das Taxi nach Malaga bereits wartete. Von dort aus hatte nun jeder noch die verschiedensten Routen mit wilden Umstiegen vor sich. Zwölf Stunden später endlich zu Hause angekommen, blickt man auf drei anstrengende, aber überragende Tage mit unseren Brüdern und ein echtes Erlebnis zurück.

Hartelijk dank, broers!

Curva Sud Siberiano

Aktuelle Lage

14 Punkte aus zehn Spielen. Die Bilanz könnte wahrlich besser aussehen. Beim Heimspiel gegen Scafatese musste Salernitana die Führung abgeben, als nach einem gegnerischen Eckball in der Schlussphase 2:2 auf der Anzeigetafel stand. Trainer Serse Cosmi erklärt anschließend auf der Pressekonferenz, seine Mannschaft habe zwei Punkte verloren und den Sieg verdient gehabt. Er lobte die Spieler ausdrücklich und wies die Verantwortung für die verpassten Punkte nicht ihnen zu. Einige Journalisten hakten kritisch nach, ob er noch das Vertrauen der Vereinsführung genieße. Das hat Cosmi offenbar so verärgert, dass er nach der Pressekonferenz zu einigen Journalisten über den Sportreporter Enrico Scapaticci gesagt haben soll: “Bringt ihn mir nicht nach draußen, sonst mache ich ihn fertig”. Das CCSC (Zusammenschluß einiger “normaler” Salernitana Fanclubs) forderte daraufhin in einer öffentlichen Stellungnahme umgehende Klärung, eine öffentliche Entschuldigung und eine klare Stellungnahme des Vereins und schob noch gleich hinterher, Cosmi “könne noch am selben Abend gehen”. Tags darauf stellte sich Iervolino, der Eigentümer der Salernitana, öffentlich hinter Cosmi und bestätigte, dass dieser im Amt bleibe. Auch die Fanszene der Salernitana hat sich kurz darauf positioniert und erschien mit rund 50 Leuten beim Training im Mary Rosy (Trainingsgelände der Salernitana) und skandierte, Cosmi solle zurücktreten.

Ob man Cosmi als Alleinschuldigem diese Lage zuschreiben kann, muss jeder für sich selbst bewerten. Blickt man jedoch einige Wochen zurück, so kann man festhalten, dass nicht nur punktuell die Mannschaft verstärkt, sondern fast der komplette Kader umgebaut und erst nach Beginn der Saison vervollständigt wurde. Geschäftsführer Umberto Pagano räumte seinerseits ein, dass der Transfermarkt anders verlaufen sei als ursprünglich geplant. Der Verein habe eigentlich möglichst wenige Veränderungen vorgesehen, sei aber durch die Wechselwünsche einzelner Spieler und die Dynamik des Marktes zu weiteren Entscheidungen gezwungen worden. Die nächsten Wochen werden nun entscheidend sein, die Mannschaft zu formen und eine Kontinuität auf dem Rasen und in den Köpfen zu schaffen.

 

 

Der Artikel 9 – Nach dem Stadionverbot ist vor dem Ticketverbot.

Mehrjähriges Stadionverbot hinter dich gebracht, also endlich wieder mit deinen Leuten ins Stadion gehen? Wäre da nicht der Articolo 9…

In der letzten Ausgabe haben wir euch schon ausführlich die Lage in Italien zu den Auswärtsverboten näher gebracht. Heute geht es um ein weiteres, weitreichendes Repressionswerkzeug aus dem Baukasten des italienischen Staates – der Artikel 9.

Mehrjähriges Stadionverbot hinter dich gebracht, also endlich wieder mit deinen Leuten ins Stadion gehen? In Deutschland ist das nach Ablauf eines Stadionverbots in der Regel der Normalfall. In Italien sieht die Situation völlig anders aus: Auch nach Ablauf der eigentlichen Maßnahme stehen Fans beim Ticketkauf oft weiterhin vor verschlossenen Türen. Verantwortlich dafür ist der sogenannte Articolo 9.

Das Gesetz geht auf das Decreto-legge Nr. 8 vom 8. Februar 2007 zurück (später umgesetzt im Gesetz Nr. 41/2007). Der Einführung waren die schweren Ausschreitungen rund um das sizilianische Derby zwischen Catania und Palermo am 2. Februar 2007 vorausgegangen, bei denen der Polizist Filippo Raciti ums Leben kam.

Mit Articolo 9 wurde eine Regelung geschaffen, die Veranstaltern von Fußballspielen untersagt, bestimmten Personen Eintrittskarten zu verkaufen. Dazu gehören:

Personen, gegen die aktuell eine Maßnahme nach Artikel 6 des Gesetzes Nr. 401/1989 vorliegt – also insbesondere ein präventives Stadionverbot (DASPO) und Personen, die innerhalb der vergangenen fünf Jahre wegen Straftaten im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen verurteilt wurden. Ausdrücklich erfasst sind auch erstinstanzliche Urteile, die noch nicht rechtskräftig sind.

Damit geht die Regelung weit über das eigentliche Stadionverbot hinaus: Der Ticketverkauf wird zu einem eigenständigen Instrument der Ausgrenzung. Während ein DASPO als präventive Verwaltungsmaßnahme der Polizeibehörde (Questura) gilt, macht Articolo 9 strafrechtliche Urteile zum automatischen Blockadegrund beim Kartenkauf.

Genau hier liegt das Problem. Ein Fan kann sein DASPO vollständig abgesessen haben und trotzdem weiterhin vom Ticketkauf ausgeschlossen sein. Niemand sitzt dabei nach Ablauf der Strafe zu Hause und wartet auf Post – die Betroffenen gehen im guten Glauben an die Kasse oder ins Online-System, um sich eine Karte zu holen, und stehen plötzlich vor verschlossenen Türen.

Ein Beispiel: Nach einem Vorfall erteilt die Questura ein dreijähriges DASPO. Zeitgleich läuft ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren, das sich in Italien bekanntlich über viele Jahre hinziehen kann. Läuft das DASPO nach drei Jahren aus, feiert der Fan rein rechtlich seine Rückkehr. Fällt jedoch erst sechs Jahre nach dem Vorfall ein erstinstanzliches Urteil, greift umgehend der Articolo 9: Wegen der Verurteilung wird der Ticketkauf erneut für bis zu fünf Jahre blockiert – obwohl das dreijährige Stadionverbot längst Geschichte ist.

Neben der gesetzlichen Härte kommt die alltägliche Behördenwillkür hinzu. Die Überprüfung beim Ticketkauf erfolgt über Abgleiche mit den Datenbanken der Polizeibehörden. Gespeicherte Einträge werden nach Freisprüchen, eingestellten Verfahren oder abgelaufenen Fristen von den Behörden oft nicht oder erst mit enormer Verzögerung aktualisiert oder gelöscht. Für Betroffene bedeutet das einen echten Bürokratiedschungel: Sie müssen auf eigene Kosten und mit juristischem Beistand versuchen, die Löschung fehlerhafter oder veralteter Einträge bei den Behörden durchzusetzen. Solange diese Korrektur nicht erfolgt ist, verweigert das Ticketingsystem schlichtweg den Kauf. Wir überlassen es an dieser Stelle den Lesern, zu entscheiden, ob der italienische Staat hier aus purer Schlamperei oder mit voller Absicht so agiert.

Wie viele Fans aktuell aufgrund des Articolo 9 nach Ablauf ihres Stadionverbots keinen Zugang zu Eintrittskarten erhalten, lässt sich mangels Transparenz nicht seriös beziffern. 

Die Zahl der jährlich aktiven DASPO in den Profiligen liegt laut Innenministerium zwar jährlich bei 3.000 bis 6.000 Personen, doch diese Zahl erfasst weder die Personen mit reiner Ticket-Sperre nach Articolo 9 noch diejenigen, die an veralteten Karteileichen scheitern.

Der Articolo 9 steht beispielhaft für das ausgereifte Repressionsmodell des italienischen Staates. Eine administrative Polizeimaßnahme (DASPO) wird mit dem Ticketverkauf und dem Justizsystem so verzahnt, dass eine schleichende Doppelbestrafung entsteht. Für die Betroffenen bedeutet es jahrelangen Kampf, hohe Anwaltskosten und bürokratische Schikane – selbst wenn sie ihre eigentliche Strafe vor dem Gesetz lange abgegolten haben. Ein Stadionverbot mit festgelegter Dauer darf nicht durch bürokratische Intransparenz zu einem Ausschluss ohne erkennbares Ende werden!

 

Interview mit Nuova Guardia zum Articolo 9

Wir hatten die Möglichkeit, mit einem Ultra von Nuova Guardia zu sprechen, auf den derzeit der Articolo 9 angewendet wird. Er hat uns geschildert, wie sich diese Praxis in der Realität anfühlt:

 

Du hast ein mehrjähriges Stadionverbot hinter dich gebracht. Jahrelang musstest du zusehen, wie deine Gruppe ins Stadion gezogen ist. Du konntest es kaum erwarten, endlich wieder die Spiele zu verfolgen. Erkläre uns kurz, warum du trotz allem immer noch draußen bleiben musst.

NG: Nach all den Jahren, in denen ich der Gruppe nur beim Aufbruch zum Stadion hinterhersehen konnte, dachte ich wirklich, das DASPO läge endlich hinter mir. Das DASPO selbst ist zwar abgelaufen, aber ich bleibe wegen des Articolo 9 des sogenannten Decreto Amato (D.L. 8/2007) weiterhin ausgesperrt. Diese Regelung verpflichtet die Vereine, Personen kein Ticket zu verkaufen, die einmal ein DASPO hatten – und nach Auslegung dieser Norm erlischt dieses Verkaufsverbot nicht einfach mit dem Ende der eigentlichen Polizeimaßnahme. Obwohl die Maßnahme des Polizeipräsidenten (Questore) also vorbei ist, bleiben die Stadiontore für mich geschlossen. Das ist nicht leicht, aber ich lebe damit in dem festen Bewusstsein, dass die Zugehörigkeit zur Gruppe nicht an die reine physische Anwesenheit in der Kurve gebunden ist.

 

Wer entscheidet über dein Zutrittsverbot und wie wirst du darüber informiert?

NG: Das eigentliche DASPO hat damals der Questore (Polizeipräsident) beschlossen, was mir auch schriftlich zugestellt wurde – inklusive Begründung, Dauer und eventuellen Meldeauflagen. Mein heutiger Ausschluss hingegen beruht auf keinem neuen, einzelnen Bescheid: Es ist ein gesetzlich festgeschriebenes Verbot, das der Verein anwendet, indem er mir schlichtweg den Kauf von Eintrittskarten oder Dauerkarten verweigert. Ich merke es also erst in dem Moment, in dem ich versuche, mir ein Ticket zu kaufen.

 

Hast du einen Anwalt, der dir hilft, gegen diese Entscheidung vorzugehen, oder musst du einfach abwarten, bis sich die Situation von selbst klärt?

NG: Ich sitze nicht einfach nur da und warte ab. Ich habe einen Anwalt, der aktuell prüft, welcher Weg der richtige ist. Die möglichen Optionen sind ein Antrag auf rechtliche Rehabilitierung (riabilitazione), um die Restwirkungen des DASPO löschen zu lassen, sowie der direkte Austausch mit dem Verein und der Questura über die genaue Tragweite des Verbots. Das Innenministerium hat die Anwendung in bestimmten Fällen durch entsprechende Leitlinien (determinazioni) bereits etwas präzisiert.

 

Wann wirst du wieder ins Stadion zurückkehren können? Wird das von Spiel zu Spiel entschieden?

NG: Nein, das ist keine Entscheidung von Spiel zu Spiel. Es ist ein generelles Verbot ohne festes Ablaufdatum. Solange es nicht durch eine rechtliche Rehabilitierung oder eine Gesetzesänderung aufgehoben wird, bleibt es in Kraft. Ich kann daher kein genaues Datum nennen. Ich hoffe, bald zurückzukehren – und bis dahin spürt die Gruppe meine Nähe, auch wenn ich draußen stehe.

Folgend findet ihr den zweiten Teil des Interviews mit Loca Ragazzi aus Constantine. Dass es auch im zweiten Teil viel über die Repressionen in Algerien und für die Gruppe unserer Interviewpartner geht, zeigt, wie aktuell leider die Situation in Nordafrika ist. Trotzdem findet ihr auch abseits von diesem Thema wieder jede Menge interessante Infos aus Constantine. Viel Spaß!

 

Interview mit Loca Ragazzi von CS Constantine Teil 2

Als wir in Algerien im Stadion waren, waren dort sehr viele Cops, und alle mussten am Eingang ihren Ausweis zeigen. War das schon immer so, oder ist es in den letzten Jahren schlimmer geworden?

Loca Ragazzi: Seit dem Tag, an dem wir diese Probleme mit den Cops und der gegnerischen Gruppe hatten, ist es viel schwieriger geworden. Besonders am Eingang behandeln sie die Menschen schlecht. Früher war es nicht so schlimm. Heute ist es oft nicht mehr möglich, normal ins Stadion zu gehen, ohne Probleme mit den Cops zu bekommen.

 

Gibt es in Algerien spezielle Cops für Fußballfans?

Loca Ragazzi: Nein, spezielle Fußballfan-Cops in diesem Sinne gibt es nicht. Aber es gibt Cops, die dem Stadion zugeteilt sind, und es gibt viele zivile Cops. Diese Leute können überall hingehen, besonders im Stadion. Sie beobachten alles, was im Stadion passiert.

 

Und was passiert, wenn jemand Pyrotechnik benutzt oder damit erwischt wird?

Loca Ragazzi: Pyrotechnik ist im Stadion verboten. Wenn wir im Stadion Pyro benutzen, bedeutet das, dass wir sie illegal hineingebracht haben. Man muss sie verstecken. Wenn die Cops dich damit erwischen, selbst wenn du sie noch nicht benutzt hast, wird ein Verfahren gegen dich eröffnet und du musst eine Geldstrafe zahlen. Normalerweise kommt man dafür nicht ins Gefängnis.

 

Als wir in Constantine waren, gab es im Stadion noch eine kleinere Gruppe, vielleicht etwa tausend Leute, die die Mannschaft unterstützt haben. Wie ist das erlaubt, wenn eure Gruppe verboten ist?

Loca Ragazzi: Sie dürfen im Stadion stehen und die Mannschaft unterstützen, aber ohne klare Ultra-Zeichen. Keine T-Shirts oder Schals mit Bezug zu Ultras, keine Banner und nichts wie ACAB oder ähnliche Aussagen. Man kann also ins Stadion gehen, dort stehen und supporten, aber alles, was direkt auf eine Ultra-Gruppe verweist, ist illegal.

Hans (Anmerkung): Außerhalb dieses Ultra-Bereichs, der von Cops umgeben war, war Support im Stadion verboten. Sobald Leute länger standen und sangen, sagten die Cops ihnen, dass sie aufhören sollen.

 

Was ist eure Hoffnung für die nahe Zukunft? Glaubt ihr, dass Loca Ragazzi zurückkommen kann?

Loca Ragazzi: Ja, das hoffen wir sehr. Wir wollen uns wieder organisieren. Wir stehen weiterhin miteinander in Kontakt und versuchen, wieder etwas aufzubauen. Vielleicht wird es eine neue Gruppe sein, aber mit denselben Gesichtern.

 

Ultras aus Algerien sind in Deutschland in den letzten Monaten sehr bekannt geworden. Man sieht viele Videos und hört viele Kurvengesänge. Was ist aus eurer Sicht besonders an Ultras in Algerien, auch im Vergleich zu Marokko oder Tunesien?

Loca Ragazzi: Vielleicht sind es vor allem die Lieder. Unsere Lieder in Algerien sind besonders. Manchmal haben wir politische Lieder im Stadion, gegen die Regierung oder gegen die Cops. Genau das ist eines der Probleme. Deshalb hasst oder fürchtet die Regierung Ultras, weil die Lieder Dinge sagen, die für sie nicht akzeptabel sind.

 

Aber für euch sind diese Lieder nicht einfach nur Provokation?

Loca Ragazzi: Nein. Für uns sind diese politischen Lieder wahr. Wir singen nicht über Dinge, die nicht wahr sind. Die politischen Lieder kommen auch aus dem Herzen. Das ist etwas sehr Besonderes in Algerien.

Auch die Feiern sind besonders, vor allem der Geburtstag des Vereins. Ein weiterer Unterschied ist, dass es in Algerien fast nur Männer in den Ultra-Gruppen gibt. Frauen dürfen grundsätzlich ins Stadion gehen, aber sie gehen nicht so häufig wie vielleicht in Tunesien oder Marokko.

 

Sprechen wir über Freundschaften und Rivalitäten. Welche Freundschaften hatte Loca Ragazzi, oder hat sie noch, in Algerien und darüber hinaus?

Loca Ragazzi: Unsere größte Freundschaft als Ultra-Gruppe in Algerien bestand mit den Kabylie Boys, der Ultra-Gruppe von JS Kabylie, außerdem mit Polina, der Ultra-Gruppe von ASO Chlef, und Scorpion, der Ultra-Gruppe von USM Bel Abbès. Als Fans haben wir eher eine gute Beziehung als eine Freundschaft zu den Fans von CR Belouizdad und aus Oran. Innerhalb der Curva Nord insgesamt haben wir auch Freundschaften mit Gruppen außerhalb Algeriens, zum Beispiel mit Ticha Boys in Libyen und Dodger in Tunesien.

 

Hattet ihr auch Freundschaften in Europa?

Loca Ragazzi: Nein, wir hatten keine Freundschaften in Europa. Es gab eher Rivalitäten, zum Beispiel mit Lyon und mit Roma.

 

Woher kam der Konflikt mit Lyon?

Loca Ragazzi: Einige unserer Mitglieder leben in Lyon und haben dort den Geburtstag unseres Vereins gefeiert. Das wurde von Teilen der dortigen Szene nicht akzeptiert, und so begann der Konflikt.

 

Wie entstehen Rivalitäten in Algerien normalerweise? Bleibt es bei Gesängen im Stadion, oder geht es darüber hinaus?

Loca Ragazzi: Es kann über Gesänge hinausgehen. Bei Spielen gegen rivalisierende Gruppen oder rivalisierende Städte kann es zu Konfrontationen kommen, auch außerhalb des Stadions, auf den Autobahnen oder in der Stadt. Aber wir sehen uns nicht als Hooligans. Es geht nicht darum, Waffen zu benutzen. Wenn es Konfrontationen gibt, dann mit Fäusten oder manchmal mit Pyrotechnik.

 

Wie habt ihr früher Auswärtsfahrten organisiert? Seid ihr mit dem Bus gefahren?

Loca Ragazzi: Ja, meistens mit dem Bus. Wir reisten gemeinsam als eine Gruppe, gingen gemeinsam in die Städte hinein und kehrten auch gemeinsam zurück. Je nach Spiel gab es viele Busse, manchmal fünfzehn. Andere Gruppen reisten vielleicht mit weniger Bussen. Bei sehr langen Fahrten gab es auch Autos, Züge oder Flugzeuge.

 

Und internationale Spiele, zum Beispiel in Marokko?

Loca Ragazzi: Das war kompliziert, weil die Grenze zwischen Algerien und Marokko geschlossen ist. Man muss eine andere Route nehmen, zum Beispiel über Tunesien. Das macht diese Reisen deutlich schwieriger. Aber selbst in Marokko waren wir mit mehr als 1.000 Leuten dort.

 

Dürfen Auswärtsfans in Algerien heute noch reisen?

Loca Ragazzi: Nein. Seit der letzten Saison sind Auswärtsfans in Algerien nicht mehr erlaubt. Das hängt mit den Ereignissen in Constantine zusammen, betrifft aber nicht nur CS Constantine. Es betrifft alle Vereine der Liga. Auch im Pokal sind Auswärtsfans nicht erlaubt. Bei internationalen Spielen kann es anders sein, wenn der afrikanische Fußballverband Auswärtsfans erlaubt. Nach den Informationen, die wir haben, werden Auswärtsfans auch in der nächsten Saison in Algerien nicht erlaubt sein.

 

Könnte jemand trotzdem ohne Vereinsfarben zu einem Auswärtsspiel reisen, einfach als normaler Zuschauer?

Loca Ragazzi: Das ist schwierig. Bei den Kontrollen am Stadioneingang können die Cops auf deinem Ausweis sehen, aus welcher Stadt du kommst. Wenn du aus Constantine bist und ein Spiel in einer anderen Stadt besuchen willst, kann das allein schon ausreichen, damit sie dich nicht hineinlassen.

 

Ihr habt vorhin schon Choreografien erwähnt. Wie habt ihr Choreografien vorbereitet?

Loca Ragazzi: Wir haben Choreografien oft schon am Tag vor dem Spiel im Stadion vorbereitet. Am Spieltag organisierten wir, wer wo sitzen oder stehen sollte und wie alles funktionieren sollte. Eine unserer größten Choreografien bedeckte das ganze Stadion. Das war die erste Choreografie, die in ganz Algerien das gesamte Stadion bedeckte.

 

Was ist mit Graffiti oder Street Art?

Loca Ragazzi: Graffiti ist grundsätzlich nicht erlaubt. Man kann es nur legal machen, wenn man eine Genehmigung für einen bestimmten Ort bekommt. Ansonsten ist es verboten. (Anmerkung): Nach dem Spiel fuhren wir durch die Stadt, und es wurden verschiedene Bilder in der Stadt gezeigt.

 

Und Fanzines? Könnte eine Ultra-Gruppe in Algerien ein Fanzine veröffentlichen?

Loca Ragazzi: Ja, aber es hängt vom Inhalt ab. Wenn es politische Inhalte gibt, Kritik an Cops oder Dinge, die die Behörden als problematisch ansehen, kann das Probleme verursachen. Deshalb ist das Internet heute der wichtigste Weg, um Inhalte zu veröffentlichen.

 

Glaubt ihr trotz allem an eine Zukunft für Ultras in Algerien und für Loca Ragazzi?

Loca Ragazzi: Ja, wir glauben daran. Wir wollen nicht aufgeben. Wir versuchen, die Kontakte wieder aufzubauen und uns wieder zu organisieren. Vielleicht kommen wir zurück, vielleicht mit einem neuen Namen, aber mit denselben Gesichtern. Unser Wunsch ist, dass wir im nächsten Interview wieder als aktive Gruppe zurück sein können.

 

Vielen Dank für eure Zeit und die unfassbar interessanten Einblicke.

Loca Ragazzi: Danke für das Interview. Und ihr seid in Constantine und in Algerien immer willkommen, nicht nur wegen des Fußballs, sondern auch wegen der Stadt und des Landes. Hoffentlich sehen wir uns wieder, wenn Loca Ragazzi zurück ist.

Darmstadt: Beim Auswärtsspiel in Karlsruhe im Oktober 2026 kam es mal wieder zu einem unverhältnismäßigen Polizeieinsatz. Es wurden zahlreiche Darmstädter Fans am Hauptbahnhof stundenlang festgehalten und dadurch am Stadionbesuch gehindert. Nach Angaben von Vereinspräsident Markus Pfitzner betraf dies rund 250 Fans, darunter zahlreiche Minderjährige, die über achteinhalb Stunden festgehalten wurden. Die Bundespolizei nahm die Personalien von mehr als 300 angereisten Fans auf. Auslöser des willkürlichen Vorgehens war die Separierung eines Darmstädters von der Gruppe, welcher von der Polizei gesucht wurde. Danach wurde aus unkenntlichen Gründen eine kleine Gruppe Lilienfans von der Polizei gewaltsam in einen kleineren Abschnitt des Bahnhofs getrieben. Fünf Personen wurden vorübergehend auf die Wache gebracht, einer von ihnen wurde nach Polizeiangaben bei den Auseinandersetzungen verletzt. Der SV Darmstadt 98 erklärte bereits am Spieltag, Hinweise auf ein möglicherweise unverhältnismäßiges Vorgehen der Einsatzkräfte erhalten zu haben, und kündigte eine umfassende Aufarbeitung an. Auf der Mitgliederversammlung bekräftigte Pfitzner diese Forderung und sagte den Betroffenen umfassende Unterstützung zu.

Salzburg: Beim Heimspiel von Austria Salzburg gegen Blau-Weiß Linz kündigte die Curva Viola aus Solidarität mit den Gästefans einen Verzicht auf die geplante Choreografie sowie einen zehnminütigen Stimmungsboykott an. Hintergrund war das geringe Gästekartenkontingent. Bei einer Gesamtkapazität von 1.566 Zuschauern standen den Linzern nur rund 156 Karten zur Verfügung. Erwartet wurden allerdings mindestens 300 Gäste. Das Stahlstadt Kollektiv mobilisierte deshalb zur Fahrt nach Salzburg, ohne das Stadion zu betreten. Unter dem Motto „Während in Linz zwei neue Stadien stehen, müssen wir in Salzburg von draußen zusehen“ kritisierte die Curva Viola die fehlende langfristige Stadionlösung. Dabei richtete sich die Kritik insbesondere an Stadt und Behörden. Zudem hinterfragt die Kurve, weshalb bereits bestehende Lösungsansätze nicht weiterverfolgt werden.

Madrid: Bei Rayo Vallecano herrscht derzeit große Spannung zwischen der aktiven Fanszene und Vereinspräsident Raúl Martín Presa. Während der Partie gegen Athletic Bilbao warfen die Anhänger Papierflieger, Gummibälle und andere Gegenstände auf den Rasen und provozierten damit einen Spielabbruch. Mit der Aktion protestierten sie gegen die Pläne des Präsidenten, ein neues Stadion außerhalb des traditionellen Arbeiterviertels Vallecas zu errichten. Die Gruppe Los Bukaneros wollen das Stadion und die damit verbundene Identität des Vereins in ihrem Viertel behalten. Außerdem kritisieren sie Presa wegen seiner politischen Kontakte und des schlechten Zustands der bisherigen Spielstätte. Das Stadion musste im Sommer aufgrund baulicher und hygienischer Mängel, darunter eine mögliche Legionellengefahr, vorübergehend geschlossen werden. Während die Stadt ab 2027 eine umfassende Sanierung plant, fordern die Fans schnellere Verbesserungen und den Rücktritt des Präsidenten.

Monaco: Vor dem Spiel des SC Freiburg gegen AS Monaco haben die Behörden in Nizza, Monaco und dem angrenzenden Ort Cap-d’Ail ein weitreichendes Aufenthalts- und Bewegungsverbote für SC-Fans erlassen. Freiburger durften sich vor Ort nicht mit erkenntlicher Fanbekleidung aufhalten. Ebenso wurden ein Fantreff sowie ein Fanmarsch untersagt. Auch die Anreise über den Bahnhof in Monaco wurde den Breisgauern verboten. Darüber hinaus wurden auch sämtliche Kennzeichen aller Reisebusse aus Freiburg den örtlichen Sicherheitsbehörden mitgeteilt, in Monaco entsprechend abgefangen und eskortiert. In der Nachbarstadt Nizza galten in bestimmten Bereichen die gleichen Einschränkungen. Der SC Freiburg und Football Supporters Europe legten gegen die Maßnahmen einen Eilantrag beim monegassischen Obersten Gerichtshof ein, dieser wurde jedoch abgelehnt. Die Einschränkungen blieben somit bestehen. Der Verein forderte seine Fans deshalb auf, sich umsichtig zu verhalten und im öffentlichen Raum keine Fanbekleidung zu tragen. Trotz aller Verbote ließ sich die aktive Szene aus Freiburg davon nicht abbringen, in den Vereinsfarben aufzulaufen und gemeinsam mit allen angereisten Freiburgern gemeinsam zum Stadion zu gehen.

International: Die Organisationen Sport & Rights Alliance und Football Supporters Europe kritisieren in einem gemeinsamen Bericht die Menschenrechtsverletzungen und Missstände bei der Weltmeisterschaft 2026. Sie werfen der FIFA vor, finanzielle Gewinne über Menschenrechte, Fairness und Gleichberechtigung gestellt zu haben. Zu den kritisierten Problemen zählen hohe Ticketpreise, diskriminierende Visabestimmungen, Einreisebeschränkungen, Festnahmen und Abschiebungen durch US-Behörden sowie Einschränkungen der Pressefreiheit und friedlicher Proteste. Besonders betroffen seien Fans mit geringem Einkommen, Menschen mit Behinderungen und Personen aus südlichen Ländern gewesen. Auch Spieler, Schiedsrichter und Journalisten hätten mit Visa-Problemen und Zugangsbeschränkungen zu kämpfen gehabt. Zudem kritisiert der Bericht unzureichende Maßnahmen bei Vorwürfen sexueller Gewalt gegen Spieler sowie fehlende Möglichkeiten für Betroffene, Beschwerden einzureichen und Wiedergutmachung zu erhalten. Die Organisationen fordern deshalb grundlegende Reformen der FIFA, darunter verbindliche Menschenrechtsstandards für zukünftige Weltmeisterschaften, unabhängige Kontrollen, faire Ticketpreise, diskriminierungsfreien Zugang und bessere Schutzmaßnahmen.