Fragebogen AR-Kandidat Johannes Struckmeier

Bitte stelle dich kurz vor

Mein Name ist Johannes Struckmeier (für Euch Johannes oder Jo). Ich bin 36 Jahre und lebe in Essen (ca. 10km von der Arena entfernt). Das Schalke-Virus hat mich 1989 während eines Spiels gegen Fortuna Köln gepackt. Das Schalker Heimspiel wurde – aufgrund einer Platzsperre für S04 – in meiner Geburtsstadt Hannover ausgetragen und war der Startschuss meiner Leidenschaft für diesen Verein.

Aktuell kümmere ich mich beruflich bei ETL, der größten Steuerberatungsgruppe Deutschlands, um das Beratungsgeschäft im Profisport und um unsere Auslandsexpansion. Nebenberuflich doziere ich an der Deutschen Sporthochschule zum Thema Finanzierung von Proficlubs, wo ich den Studierenden neben der Theorie auch mein Praxiswissen aus über 10 Jahren betriebswirtschaftlicher Sportberatung weitergebe. Außerdem habe ich an zahlreichen Studien und Büchern zum deutschen und europäischen Fußballmarkt mitgewirkt.

Seit wann und wie regelmäßig besuchst du die Spiele des FC Schalke 04? Seit wann bist du Vereinsmitglied und was hat dich damals dazu bewogen?

Schon in sehr jungen Jahren war ich regelmäßig in Begleitung meines Vaters und/oder elterlichen Freunden im Parkstadion und auch bei unseren Auswärtsspielen. Übrigens einen der schönsten und prägendsten Auswärtssiege, durfte ich 1996 bei einem Nachholspiel (an einem Dienstagabend) in Rostock erleben. Das Elfmetertor von Anderbrügge in der 90 Minute war eine kleine Vorentscheidung zur Europapokal-Qualifikation für die Saison 96/97. Der Rest der Geschichte ist ja allen bekannt. Seit wir in die Arena umgezogen sind, habe ich eine Dauerkarte und fahre so oft es geht zu unseren Auswärtsspielen.

Im Jahr 1998 meldeten mich meine Eltern nach einiger Überzeugungsarbeit endlich als Mitglied bei S04 an. Meine wesentliche Argumentation (als damals 13-jähriger) war, dass ich sowieso bald selbst bei S04 spielen werde und es somit nur ein Vorgriff wäre. Dieser vielleicht etwas naive Wunsch erfüllte sich leider (bislang 😊) nicht. Heute bedeutet die Mitgliedschaft für mich Zugehörigkeit und die Möglichkeit über die Zukunft unseres Vereins mitbestimmen zu dürfen.

Was hat dich dazu bewogen, für den Aufsichtsrat des FC Schalke 04 zu kandidieren? Was qualifiziert dich persönlich für die Arbeit im Aufsichtsrat? Warum sollten die Mitglieder dir ihre Stimme geben?

Seit unserer letzten Mitgliederversammlung im Juni 2019 ist viel passiert. Damals haben sich viele Schalker – trotz des nur knapp verhinderten Abstiegs – wieder einmal euphorisch mit runderneuerter sportlicher Leitung und Trainerstab auf eine neue Bundesligasaison eingeschworen. Garniert wurde der Tag mit einer Vertragsverlängerung unseres beliebten Eigengewächses Weston McKennie sowie mit der Verpflichtung des international gefragten Abwehrtalents Ozan Kabak. In der Folge wurde unser damaliger Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies mit großer Stimmenmehrheit für den Aufsichtsrat bestätigt.

Wenn ich auf die momentane Situation unseres FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V. blicke, ist von dieser Euphorie leider nichts mehr geblieben. Der sich bereits damals andeutende sportliche Niedergang erfolgte in Höchstgeschwindigkeit. In einer durch die Corona-Pandemie geprägten Zeit steigt unser Club nun wieder in die 2. Bundesliga ab – erstmals seit mehr als 30 Jahren. Aufgrund der angespannten finanziellen Situation wurde uns die Lizenz für die kommende Spielzeit 2021/22 lediglich unter Auflagen erteilt und unser Ansehen ist in den vergangenen Monaten mehrfach beschädigt worden.

Mir ist die bedrohliche Lage unseres Clubs sehr bewusst. Gleichzeitig sehe ich die aktuelle Situation als Chance und Motivation, unseren Verein für eine erfolgreiche Zukunft grundlegend neu auszurichten. Ich möchte als junger, unvorbelasteter Teamplayer dabei unterstützen, Schalke zurück zu seinen Grundsätzen und in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftige ich mich mit betriebswirtschaftlichen Fragestellungen rund um den Profisport, schwerpunktmäßig im Fußball. In den vergangenen Jahren war ich im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit in vielfältige Projekte im Bereich des Profifußballs (darunter Champions-League-Sieger, Deutsche Meister und bekannte Traditionsclubs) beratend eingebunden. Darüber hinaus unterrichte ich an der Deutschen Sporthochschule das Thema Finanzierung von Proficlubs. Durch mein Steuerberaterexamen sehe ich mich auch befähigt rechtliche und wirtschaftliche Themen gewissenhaft einzuordnen. Diese praktische und theoretische Expertise in Verbindung mit meiner Leidenschaft und engen persönlichen Bindung zu Schalke würde ich gerne konstruktiv in den Aufsichtsrat einbringen.

Ich kann Euch versichern, mein Handeln wird immer und ausschließlich dem Wohle von Schalke 04 dienen.

Welche konkreten Ziele hast du, wenn du in den Aufsichtsrat gewählt wirst? Was sind für dich die großen Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Durch eine Wahl in den Aufsichtsrat erhoffe ich mir kurzfristig, an einer schnellen Wiederherstellung unseres Ansehens, der sportlichen Wettbewerbsfähigkeit und finanzieller Stabilität mitwirken zu können. Das bedeutet für eine potentielle AR-Kandidatur für die kommenden drei Jahre:

  • wir leben unser Leitbild ausnahmslos,
  • wir etablieren uns wieder in der 1. Bundesliga, und
  • wir wetten nicht mehr waghalsig auf die Zukunft.

Das kann aber nur gelingen, wenn wir die Chance nutzen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die zahlreichen Strategiewechsel der sportlichen Führung, der künstlich erweckte Eindruck, es könne nur Tradition oder Innovation geben, aber nicht beides gleichzeitig, sowie unstete und mindestens unglückliche Aussagen zu Themen wie Rassismus oder einer möglichen Ausgliederung haben uns sinnlos aufgerieben. Ich möchte dabei unterstützen, die unglaubliche Kraft unseres Vereins und unserer Fans in wesentlich positivere Bahnen zu lenken.

Für unsere mittel- bis langfristige Entwicklung ist es mein persönlicher Wunsch, dass wir gemeinsam Leitplanken für unseren Verein entwickeln. Wir benötigen gemeinsame Antworten auf Grundsatzfragen wie „Soll es zukünftig eine einheitliche, wiedererkennbare und trainerunabhängige Spielidee bei allen S04-Teams geben, von der Knappenschmiede bis zum Profikader?“ oder „Was ist für uns das Wichtigste: unsere Identität und Werte, finanzielle Stabilität oder sportlicher Erfolg um jeden Preis?“

Mit gemeinsamen Leitplanken können wir die aktuelle Spaltung des Vereins überwinden und gleichzeitig eine verbindliche Grundlage für das langfristige Handeln unseres Clubs schaffen. Diese gemeinsamen Leitplanken werden der Spaltung des Vereins entgegenwirken. Nur so können wir aus meiner Sicht Identifikation, Emotion und Leidenschaft für unseren Club von Generation zu Generation weitertragen und den Mythos Schalke am Leben halten.

In der Praxis sollten wir diese Leitplanken durch einen strukturierten Dialog gemeinsam erarbeiten, so wie wir es bei der Entstehung unseres Schalker Leitbilds erfolgreich vorgemacht haben. Wir müssen uns dafür allerdings die notwendige Zeit nehmen und allen Interessengruppen unvoreingenommen zuhören.

Was sind aus deiner Sicht die Gründe für die schwierige finanzielle Situation und die negative sportliche Entwicklung? Welche konkreten Maßnahmen sind aus deiner Sicht zu ergreifen, um den Verein zukünftig wieder erfolgreich und krisensicher aufzustellen?

Die finanzielle Situation resultiert aus zahlreichen sportlichen Fehlentscheidungen in Verbindung mit riskanten Wetten auf das Erreichen des internationalen Geschäfts. Durch die Corona-Pandemie ist unser Verein dann wegen der hohen Umsatzeinbußen und nicht vorhandenen finanziellen Rücklagen an den Rand der Insolvenz gerutscht.

Der sportliche Niedergang zeichnete sich in den vergangenen Jahren schon leicht ab, jedoch wurde uns besonders durch die Vizemeistersaison noch ein letztes Mal Sand in die Augen gestreut. Mit Beginn der Pandemie fiel unsere sportliche Leistungsfähigkeit durch die etlichen würdelosen Auftritte unserer Mannschaft auf ein Niveau, das mich fassungslos macht. Alle Gründe hier auszuführen käme vermutlich einer Doktorarbeit gleich, allerdings halte ich für die Hauptursachen:

  • die ständigen Strategiewechsel auf Ebene der sportlichen Führung
  • zu viele Trainer mit verschiedenen Spielideen und -prinzipien
  • toxische Zusammenstellung des Lizenzspielerkaders (charakterlich, fußballerisch und taktisch), und
  • nicht ausreichend Hingabe, Demut und Leistungsbereitschaft.

Als kurzfristige Maßnahmen sind aufgrund der akuten brennenden sportlichen und finanziellen Probleme die kommenden beiden Spielzeiten aus meiner Sicht kritisch für das Überleben des Clubs. Darum sollten dringend sehr konkrete Sanierungsmaßnahmen eingeleitet werden:

  • Der sportliche Fall muss umgehend aufgehalten,
  • die Personalkosten müssen flexibler werden, und
  • eigentlich selbstverständliche Tugenden wie maximale Hingabe, Leistungsbereitschaft, Demut und Ehrlichkeit zum Wohle des Clubs muss müssen von allen Spielern und Mitarbeitern sofort eingefordert werden.

Dazu müssen wir die bereits vorhandenen Mittel, besonders im Lizenzspielerbereich, effizient und gebündelt nutzen. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist dabei die Kaderzusammenstellung. Wir benötigen für Schlüsselpositionen erfahrene und charakterfeste Spieler, die den vielen jungen Talenten Orientierung und Sicherheit geben können. Gleichzeitig müssen wir sicherstellen, dass die Knappenschmiede auch zukünftig so hervorragende Talente ausbildet und weiterhin eine hohe Durchlässigkeit zum Lizenzspielerbereich bietet.

Mir persönlich wäre es wichtig, wenn wir uns in Zukunft vor allem über unseren Weg zum Erfolg freuen können. Wir sollten die kommende Zeit nutzen und mit modernen Führungsstrukturen ein positives fußballerisches Alleinstellungsmerkmal für Schalke entwickeln. Dabei sollten wir nicht durch waghalsige Wetten auf die Zukunft den Fortbestand unseres Vereins auf Spiel setzen. Unsere Zuschauer sollten wir mit mutigem und attraktivem Fußball begeistern.

Wie definierst du die Aufgaben des Aufsichtsrats? Wie sieht eine gute Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand aus?

Meine Definition der Aufgaben unterscheidet sich nicht von unserer Vereinssatzung, wie in §7.5 zu den Aufgaben des Aufsichtsrats und §8.5 zu den Aufgaben des Vorstands beschrieben. Grundsätzlich verantwortet der Vorstand die operativen Geschäfte unseres Vereins, wobei für ausgewählte Geschäfte (z.B. alles mit einem Wert von mehr als 500.000 Euro) eine Genehmigung des Aufsichtsrats notwendig ist.

Im Kontrollgremium Aufsichtsrat sollte sich jeder ein ganzheitliches Bild von unserem Verein machen. Die Themenfelder sportliche Leistung, Finanzen, Werte und Kommunikation sind eng miteinander verbunden. Die Mitglieder des Aufsichtsrats sollten das notwendige Basiswissen für diese Themenfelder mitbringen, um zum Wohle des gesamten Vereins zu entscheiden. In der Vergangenheit hatte ich häufig das Gefühl, dass unser Verein Entscheidungen zu selten ganzheitlich getroffen hat. Das ist auch eine wesentliche Ursache für unser teilweise beschämendes öffentliches Bild in der jüngeren Vergangenheit.

Ein guter Aufsichtsrat fördert und fordert den Vorstand. In der Praxis bedeutet das, dass der FC Schalke 04 eine ganzheitliche Strategie haben sollte. Diese Strategie bildet die Basis für die zukünftigen Aufgaben, Ziele und Handlungsleitplanken unseres Vorstands. Gleichzeitig sollte der Aufsichtsrat in die Fähigkeiten des Vorstands vertrauen und dem Vorstand als Ratgeber zur Seite stehen.   

Wie bewertest du die aktuelle Zusammensetzung des Aufsichtsrats (Anzahl der Personen, Kooptationsmöglichkeiten etc.)? 

Theoretisch sollte sich aus meiner Sicht ein idealer Aufsichtsrat ausschließlich aus demokratisch gewählten Vertretern zusammensetzen. Die Ursachen der momentan bestehenden Kooptationen kann ich allerdings grundsätzlich nachvollziehen.

Mittelfristig würde ich mir wünschen, dass sich das Stimmverhältnis zugunsten der durch die Mitgliederversammlung gewählten AR-Vertreter erhöht.

Wie beurteilst du die Satzung des FC Schalke 04? Wie stehst du dazu, dass in der Vergangenheit von Mitgliedern gestellte Satzungsänderungsanträge aus inhaltlichen Gründen abgelehnt und nicht zur JHV zugelassen wurden?

Im Großen und Ganzen haben wir bereits eine gute Satzung. Allerdings, und das ist ja das Gute an einem eingetragenen Verein (e.V.), lebt unsere Satzung und kann von uns auf der Mitgliederversammlung mitgestaltet werden.

Die Ablehnung von Änderungsanträgen aus inhaltlichen Gründen sorgte in der Vergangenheit auch bei mir häufig für Verwunderung. Schlussendlich sollte die Mitgliederversammlung das oberste Entscheidungsorgan des Vereins bleiben. Immerhin besteht während der Mitgliederversammlung noch die Möglichkeit, durch eine Mehrheit von zwei Dritteln Anträge auf die Tagesordnung zu setzen. Ich würde mir wünschen, dass dieses Jahr der Änderungsantrag zur Reduzierung auf eine einfache Mehrheit von der Mitgliederversammlung angenommen wird.

Wie stehst du zur Rechtsform des eingetragenen Vereins beim FC Schalke 04?

Mir gefällt an der Rechtsform des e.V. die geringe Eintrittshürde, um Mitglied zu werden. Es ist egal, ob du arm oder reich bist. Jedem Mitglied ist es möglich mit seiner Stimme die Zukunft von Schalke gleichermaßen mitzugestalten. Darauf können wir stolz sein und dürfen nicht vergessen, dass dieses Miteinander nur durch Kompromisse und gegenseitige Rücksichtnahme erfolgreich sein kann.

Durch die nicht vorhandenen finanziellen Rücklagen unseres Vereins hat uns die Pandemie allerdings stärker als viele andere Wettbewerber belastet. Aufgrund der unterschiedlichen Strukturen in anderen deutschen Clubs wurden die Schäden der Pandemie dort zum Teil durch Eigenkapitalerhöhungen aufgefangen (z.B. mit mehr als 20 Mio. Euro bei Eintracht Frankfurt).

In diesem ungleichen Wettbewerb müssen wir gemeinsam diskutieren, ob und wie in Zukunft Möglichkeiten geschaffen werden können, unserem Verein auf einfachem Wege Geld zur Verfügung zu stellen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Wege auch in unserer bestehenden Struktur und Rechtsform zu finden sind. Mir persönlich ist wichtig, dass zukünftig keine Verwässerung der Mitbestimmung erfolgt und sich niemand Einfluss auf unseren Club erkaufen kann.

Wie sollte das Zusammenspiel zwischen Verein und Fans aussehen? Welche Verbesserungen sind möglich?

Seit dem Beginn der Pandemie bis zur Einführung des Kommunikationsformats „mitGEredet“ hatte ich nicht das Gefühl, dass es überhaupt noch ein sichtbares Zusammenspiel gab. Dass die Mitgliederversammlung 2020 nicht stattfinden konnte, trug dazu bei. Streckenweise empfand ich dadurch eine gewisse Hilflosigkeit.

Generell halte ich es für wichtig, dass Verein und Fans zukünftig wieder stärker und früher den gemeinsamen Dialog suchen. Zentrale Themen müssen offen und ehrlich diskutiert werden. Ein negatives Beispiel ist in diesem Zusammengang die Äußerung unseres ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden zum Thema Ausgliederung im Anschluss an eine Derbyniederlage. Andersherum sollten Fans aber auch nicht unsere gewählten Vereinsgremien unter Druck setzen, indem ohne Legitimation auf eigene Faust Verhandlungen mit potentiellen neuen Vorständen initiiert werden. Beides sollte nie wieder passieren.

Gegenwärtig sehe ich allerdings auch erste positive Entwicklungen. Die Idee der Initiative Zukunftself gefällt mir gut. Dort versuchen Fans wirklich sehr strukturiert und konkret Verbesserungsvorschläge für verschiedene Themenbereiche zu entwickeln. Das Tolle daran ist, dass jeder Schalker mitmachen kann und der Verein sich diese Vorschläge auch anhören wird. Ich hoffe, dass unser enormes Potential aus vielen Fans und Mitgliedern zukünftig wesentlich häufiger in die Vereinsarbeit einbezogen werden kann.


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