Aufarbeitung der Ereignisse vom vergangenen Freitag

Posted by UGE Repression, Spieltage

Zwei Tage sind seit dem Bundesligaspiel des FC Schalke 04 gegen den MSV Duisburg vergangen, eine Partie über die noch lange gesprochen wird. Der Grund dafür liegt allerdings nicht im 2:1 Sieg der Knappen, sondern an den Ereignissen am Schalker Fanprojekt. Wir haben uns bewusst etwas Zeit gelassen, um das Erlebte möglichst sachlich und ausführlich schildern zu können, was im Eifer des Gefechts nicht immer möglich ist. In dieser Stellungnahme möchten wir als Ultras Gelsenkirchen unsere Sicht der Dinge darlegen, das Geschehen aufarbeiten und insbesondere die Schalke Fans informieren, welche am Freitag verwundert in die Nordkurve blickten und unseren Standort verwaist vorfanden. Leider erreichten die Durchsagen via Megaphon nur einen kleinen Teil, weswegen anfangs viele verschiedene Gerüchte in der Arena kursierten. Der Verein, in Form des Sicherheitsbeauftragten wurde direkt von uns über die Situation informiert, ebenso der Schalker Fan Club Verband über den Fanbeauftragten Rolf Rojek sowie der Vorstand des Supportersclub, damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen.

Wie bei jedem Heimspiel nutzten wir, die Gruppe Ultras Gelsenkirchen, sowie alle weiteren Schalker, denen die Atmosphäre hinter der Tribüne der Glückauf-Kampfbahn zusagt, die Räumlichkeiten des sozialpädagogischen Schalker Fanprojekts als Treffpunkt. Nicht erst seit unserer Gründung im Jahre 2002 besteht ein vertrauensvolles Verhältnis zu den dortigen Mitarbeitern. Diese stehen uns stets mit Rat und Tat zur Seite, ein Angebot welches wir sehr zu schätzen wissen.

Im Laufe des Nachmittags, das Fanprojekt öffnete aufgrund der Champions Leaque Auslosung bereits um 13.00 Uhr, fielen den nach und nach eintreffenden Schalkern vermehrt Einsatzfahrzeuge der Polizei auf, die das Gelände der Glückauf-Kampfbahn samt umliegender Gegebenheiten mehrmals in Augenschein nahmen. Eine ständige Präsenz seitens der Polizei ist für aktive Fans leider eher Normalität als Ausnahme, dennoch war schnell klar, dass heute etwas anders war. Durch diese untypische Beobachtung kam unter den ca. 220 Besuchern des Treffpunkts zunehmend Unruhe auf. Ein gesuchtes Gespräch im Beisein eines Mitarbeiters des Fanprojekts konnte diese Vorahnung nicht ausräumen, da seitens eines vor den Toren der Glückauf-Kampfbahn postierten szenekundigen Beamten lediglich die Aussage getroffen wurde, dass die umher fahrenden Polizeikräfte nicht ortskundig sein und sich schlicht verfahren hätten. Diese Aussage nährte weitere Skepsis und führte dazu, dass sich die anwesenden Schalker gegen 17.45 Uhr dazu entschlossen, den Treffpunkt früher als geplant zu schließen und in Richtung Stadion aufzubrechen. Unter normalen Umständen wäre der Treffpunkt bis 18.15 Uhr geöffnet gewesen. Für diese Zeit war mit der BOGESTRA die Bereitstellung einer Sonderbahn abgesprochen gewesen. Einen Service, den die BOGESTRA, auf unsere Anfrage, den bis zu 400 Besuchern des UGE-Treffs am Fanprojekt bei jedem Heimspiel bietet.

Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle Ernst-Kuzorra-Platz fuhren plötzlich mehrere vollbesetzte Mannschaftswagen der Polizei vor, die den Fans den Weg abschnitten, auch der Rückweg zum Fanprojekt wurde von Einsatzfahrzeugen der Polizei blockiert. Innerhalb weniger Momente fuhren weitere Fahrzeuge der Polizei vor. Insgesamt konnten in der Caubstraße, dem Ort der Maßnahme, 23 Polizeifahrzeuge gezählt werden, darunter zwei Videoüberwachungswagen. Diese Anzahl ist auf den auf unserer Website veröffentlichen Bildern nachzuvollziehen. Weitere Einsatzkräfte im Umfeld der Glückauf-Kampfbahn sind in dieser Zählung nicht aufgeführt, ebenso nicht die Polizeibeamten, die am Fahrbahnrand der angrenzenden Autobahn 42 postiert waren, um eine Flucht in diese Richtung zu unterbinden. Eine Szenerie die gerade für die vielen Jugendlichen bedrohlich wirkte, weshalb führende Mitglieder der Ultras GE versuchten die Nervosität zu nehmen und kurz über die Rechte im Umgang mit der Polizei informierten. Alle Betroffenen bewahrten, nicht zuletzt durch das beschwichtigende Eingreifen unsererseits, die Ruhe. Es kam zu keinerlei Agressionen gegenüber den eingesetzten Kräften, die aus mehreren Städten angefordert wurden.

Im Folgenden wurden die eingekesselten Personen via kurzer Megaphondurchsage darüber informiert, dass alle Personen aufgrund einer Anordnung der Staatsanwaltschaft Dortmund erkennungsdienstlich behandelt werden würden. Ausgenommen davon waren nur Personen, die den Behörden bereits bekannt waren. Dieser circa 20 Personen umfassende Kreis, wurde von den anwesenden szenekundigen Beamten ausgewählt und durfte den Kessel verlassen. Die auf dem Gelände der Glückauf-Kampfbahn verbliebenen Schalker mit Stadionverbot, wurden ebenfalls keiner polizeilichen Kontrolle unterzogen. Grund für die Anordnung, so verkündete es die Polizei, wären Straftaten im Rahmen des Bundesligaspiels Bor. Dortmund – FC Schalke 04 am 10.02.08 in Dortmund gewesen. Bei diesem Spiel soll es laut Aussage der Polizei im Eingangsbereich des Gästeblocks zu Körperverletzungen, Landfriedensbruch und im weiteren Verlauf der Begegnung zu Sachbeschädigungen gekommen sein. Eine Bewertung dieser Aussagen maßen wir uns nicht an, wir können uns nur auf unsere eigenen Beobachtungen stützen und auf den Polizeibericht der Polizei Dortmund verweisen. (Vgl.: http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/4971/1133516/polizei_dortmund)

Im folgenden wurden die ca. 170 Personen einzeln aus dem Kessel geholt und einer gründlichen Leibesvisitation zugeführt. Dabei wurden u.a. Brieftaschen nach verbotenen Gegenständen durchsucht. Des Weiteren wurde jede Person mehrfach aus verschiedenen Positionen fotografiert und videografiert. Äußerliche Unterscheidungsmerkmale wie Statur, Alter und Geschlecht spielten offensichtlich keine Rolle, da alle festgehaltenden Personen die gleiche Prozedur durchlaufen mussten.

Ein Teil der Gruppe brach nach der Maßnahme in Richtung Arena auf, um dort die bereits anwesenden Mitglieder über die Vorfälle zu informieren. Andere harrten hinter der Polizeiabsperrung aus und warteten bis der letzte den Kessel verlassen hatte. Zu diesem Zeitpunkt lief im Stadion bereits die erste Halbzeit. Zuvor entschieden die anwesenden Mitglieder unserer Gruppe, insbesondere unter Einbeziehung der Meinung der Betroffenen, das für uns ein Übergang zur Normalität an diesem Freitag einfach nicht möglich ist. Zu einschneidend waren die fast drei Stunden im Polizeikessel, zu wichtig ein wirksames Zeichen gegen diesen Umgang. Noch während der Diskussion über die weitere Vorgehensweise hinter der Nordkurve fuhr abermals ein Videoüberwachungswagen der Polizei vor, der uns während unseres Gesprächs filmte.

Wenig später hingen wir unsere Zaunfahne vor dem Block N4 ab, demontierten das Megaphon und entschieden uns, unseren angestammten Bereich nicht einzunehmen. Der leere Platz war deutlich sichtbar, leider konnten zu wenige Fans, gerade in der Kurve, über die Gründe detailiert informiert werden. Eine Tatsache die sich auf die Schnelle leider nicht anders realisieren ließ, die vielen nachträglichen Reaktionen zeigen uns allerdings, dass das Verständnis für unser Handeln gegeben war.

Erst nach 21.00 Uhr erreichten die Eingekesselten gemeinsam den Eingang der Nordkurve, leider war der Wachdienst nicht über unsere verspätete Ankunft informiert worden, die kurze Verwirrung konnte dennoch schnell und konstruktiv gelöst werden. Auf der Promenade warteten bereits die restlichen Mitglieder unserer Gruppe sowie weitere Fans, in der Halbzeit wurden die Trommeln aus dem freigehaltenen Bereich in der Kurve geholt und die zweiten 45 Minuten hinter dem Block gesungen. Eine Atmosphäre die sich spontan entwickelte und nicht bereits im Vorfeld angedacht war. Nach und nach löste sich bei vielen die Anspannung und lautstarke Gesänge hallten durch die Gänge, während das Spielgeschehen auf den Bildschirmen so fern und gleichzeitig doch so nah war. Definitiv eine ungewohnte Situation. Ebenso spontan und leider sehr chaotisch die Rückkehr in die Kurve, als bereits ein Großteil der Zuschauer das Stadion verlassen hatte, inklusive der Gästefans. Der ultraorientierte Teil der MSV-Anhänger kehrte allerdings ebenfalls kurzzeitig in Ihren Sektor zurück und zeigte sich solidarisch. Eine Geste die gerade bei rivalisierenden Teams nicht an der Tagesordnung ist und daher entsprechend hoch anzurechnen ist. Vielen Dank!

Unter erneuter polizeilicher Beobachtung traten wir nach Spielende die Rückfahrt zum Fanprojekt an, wo weitere Vorfälle glücklicherweise ausblieben.

Entschieden wehren wir uns gegen die unterschwellige Aussage, dass es sich bei der Gruppe Ultras Gelsenkirchen um eine Anhäufung krimineller Fußballfans handelt, die deshalb besonderer Überwachungsmaßnahmen bedarf. Als eingetragener Verein werden wir unsere Rechte und die unserer Mitglieder in dieser Sache ab Montag, dem 17.03.2008 anwaltlich vertreten lassen. Wir fordern darüber hinaus alle Betroffenen Personen auf mit dem Schalker Fanprojekt und/oder uns in Kontakt zu treten, um weitere rechtliche Schritte koordinieren zu können.

Grundsätzlich geben wir zu bedenken, dass die Verantwortlichen für diese Aktion die bei Fußballspielen eingesetzten Polizeibeamte durch derartige Vorfälle unnötig negativer Reaktionen aussetzen. Jugendliche und junge Erwachsene, die regelmäßig freiheitsbeschneidene Maßnahmen, eine ständige Kontrolle und willkürliche Repression erfahren, entwickeln fast unausweichlich eine ablehende Haltung gegen Polizeikräfte und ein grundsätzliches Mißtrauen in den Rechtsstaat. Ein derartiges Bild der Polizei führt unausweichlich zu Solidarisierungsaktionen, die schnell eine Kette an ungewollten Aggressionen auslösen können. Wir appellieren deshalb eindringlich an die Verantwortlichen ihren repressiven Umgang mit aktiven Fans zu überdenken.

Nicht abzusehen sind ferner die Konsequenzen für die sozial-pädagogische Arbeit des Fanprojekts. Wurden die Räumlichkeiten des Schalker Fanprojekts bislang als Ort wahr genommen, in denen sich Fans abseits kommerzieller Angebote selbst organisieren und in entspannter Atmosphäre Kontakte knüpfen konnten, so ist nicht auszuschließen, dass das Vorgehen der Polizei zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust geführt hat. Müssen Besucher des Fanprojekts jetzt regelmäßig mit derartigen Kontrollen rechnen?

War es vielleicht ein angenehmer Nebeneffekt, dass Vertrauen in die Einrichtung Fanprojekt zu erschüttern, um so den wachsenden Zulauf zu diesem Treffpunkt zu unterbinden? Einem Ort, wo sich vor allem kritische Fans versammeln, die schon mehrfach Polizeieinsätze kritisiert haben, sich gegen die aktuelle Vergabepraxis von Stadionverboten wehren und Solidarität mit Fans fördern, die zu Unrecht durch Stadionverbote betroffen sind.

Auch fragen wir uns, warum es im Zeitalter von omnipräsenter Videoüberwachung inner- und außerhalb der Stadien, sowie dem Einsatz gleich mehrerer szenekundiger Polizeibeamter bei jedem Bundesligaverein nicht möglich sein soll, identifizierte Straftäter gezielt anzusprechen und die Personalien festzustellen. Es drängt sich daher der Verdacht auf, dass durch diese Maßnahme vor allem auch persönliche Daten gesammelt werden sollten. Wir forden die verantwortlichen Behörden dazu auf, sämtliche Daten umgehend zu löschen.

Weiter ist es aus unserer Sicht mehr als bedenklich, dass insbesondere minderjährige Fans drei stundenlang in einem Polizeikessel festgehalten werden und während der erkennungsdienstlichen Behandlung in einem rüden Umgangston persönliche Daten abgefragt werden, die über die Pflichtangaben hinausgehen und zu deren Angabe kein Bürger verpflichtet ist.

Betroffene Eltern weisen wir an dieser Stelle darauf hin, dass es in naher Zukunft in Kooperation mit juristischen Fachkräften Aufklärungsabende über die teilweise fragwürdige Polizeiarbeit bei Fußballeinsätzen geben wird. Diese Informationsabende sollen helfen Ängste und Vorurteile abzubauen und Eltern sowie Jugendliche über ihre Rechte aufklären darin bestärken, gegen eine unrechtgemäße Behandlung juristisch vorzugehen.

Wir bedanken uns schon jetzt bei der gezeigten Solidarität in der Schalker und Duisburger Fanszene und doch fürchten wir, dass durch den öffentlichen Druck besonders viele Verfahren aufgrund angeblicher Straftaten in Dortmund eingeleitet werden, um so die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit der Maßnahme vom 14.03.08 zu überzeugen. Auch wenn diese Verfahren ähnlich wie bei dem „Dortmunder Kessel“ nach dem Revierderby im Mai 2007 eingestellt werden, bedeutet dies für die Betroffenen zumeist ein mehrjähriges Stadionverbot.

Abschließend wünschen wir uns vom FC Schalke 04 in diesen Stunden den Rückhalt, den wir unserem Club Woche für Woche geben.

Wir werden siegen!

Weitere Erklärungen: Schalker Fanprojekt, Supporters Club, Blue Power Ückendorf


2 Responses to “Aufarbeitung der Ereignisse vom vergangenen Freitag”

  1. […] 17.03.2008 Aufarbeitung der Ereignisse vom vergangenen Freitag […]

  2. […] eher nie, nennen wir es Symphathie. Der Grund für die Gladbacher Unterstützung war der hier. […]

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